Das Robert-Tillmanns Haus: Mitten im Zauberwald der Geschichte

Die Studienfahrten und die direkte Nähe zur aktuellen Politik sind das besondere des Robert-Tillmanns-Hauses e.V. (RTH). Hier berichtet Niko Rollmann, programmatischer Geschäftsführer des RTH, über die Arbeit des Hauses und das Seminar Von der NSDAP zum NSU-Rechtsradikalismus in Deutschland.

Das Robert-Tillmanns-Haus wurde 1959 in Berlin gegründet. Somit sagt Niko Rollmann zu Recht, „Wir sind ein Berliner Urgestein der politischen Bildungsarbeit“. Benannt wurde die Einrichtung nach dem Gründer der CDU und Mitbegründer der Studienstiftung des deutschen Volkes.

CC-by-nc-nd - by Robert-Tillmanns-Haus e.V.

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Vor allem durch die geografische Nähe zur aktuellen und vergangenen Politik ist das RTH natürlich ein besonderer Standort für politische Bildungsarbeit. Rollmann: „Wir befinden uns ja an der Schnittstelle zwischen Berlin, Potsdam und Brandenburg. Berlin symbolisiert alle Höhen und Tiefen deutscher Geschichte. Potsdam ist wiederum eine Geschichtsstunde der ganz eigenen Art. Und Brandenburg birgt viele historische Stätten in sich, die oftmals in Vergessenheit geraten sind. Manchmal kommt es mir wie ein ‘Zauberwald’ der deutschen Geschichte vor.“

Das RTH erfreut sich mittlerweile großer Beliebtheit, mit bisher 120.000 Besucher/innen aus den verschiedensten Bereichen. So besuchen das RTH sowohl Schüler/innen und Student/innen als auch Vereine aller Art. Aber auch Kirchengemeinden und Gewerkschaftler, Frauengruppen und Männerchöre sowie Gruppen des THW gehören zu den Gästen der Einrichtung. So umfangreich die Besuchergruppen des RTH, so umfangreich ist auch das Themenspektrum. Gerade die Inhalte der Berlin-Programme des umfassen ein breites Spektrum:  Von Preußen bis zur Globalisierung. Schwerpunkte sind hier vor allem der Nationalsozialismus, die DDR sowie das ‘Neue Berlin’.

„Darüber hinaus liegt mir die Zusammenarbeit mit unseren polnischen Partnern sehr am Herzen.“, sagt Rollmann. Geschichtliche und politische Bildung unter einem Dach, diese Kombination ist für das RTH untrennbar. Denn ohne ein Verständnis der Geschichte ist es nicht möglich, die gegenwärtige Politik überhaupt zu entschlüsseln. Rollmann: „Geschichte wiederholt sich zwar nicht per se, aber bestimmte Muster tauchen immer wieder auf – und man muss sie kennen! Ansonsten läuft man Gefahr, Fehler zu wiederholen.“

CC-by-nc-nd - by Robert-Tillmanns-Haus e.V.

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Aber das Robert-Tillmanns-Haus bietet nicht nur Seminare an, sondern geht mit seinen Studienfahrten vor allem auch ‘nach draußen’.  So wird bei der Weltreise durch Berlin ein Einblick in den Meltingpot Berlin gegeben. Von den Hugenotten über die Böhmen von Flüchtlingen aus dem Ostblock über Gastarbeiter aus der Türkei – Berlin war immer ein besonderer Anziehungspunkt für Menschen anderer Länder und Kulturen. Diesen Einblick sollen die Veranstaltung vermitteln, indem die Teilnehmer/innen mitgenommen werden an Orte,  „wo man in Berlin ein Stückchen Istanbul oder ein kleines Vietnam“ findet. Es ist für das RTH sehr wichtig, Geschichte anschaulich und plastisch an den historischen Orten des Geschehens zu vermitteln. Für die Teilnehmenden soll Geschichte greifbar werden.

Die Veranstaltungen werden geleitet von den sieben hauptamtlichen sowie mehreren freien Mitarbeiter/innen, die auf Honorar- bzw. Stundenbasis beschäftigt sind. Natürlich müssen diese Wissen vermitteln und mit ihrem Themenfeld bestens vertraut sein, aber: „Darüber hinaus legen wir großen Wert auf die Kompetenz und auf die Ausstrahlung unserer Referenten. Es reicht nicht, einfach nur viel zu wissen: Ein guter Referent ist im wahrsten Sinne des Wortes immer auch ein guter Darsteller, ein guter Rhetoriker. Für die Teilnehmenden sind unsere Studienfahrten somit immer ein intensives, vielschichtiges Erlebnis.“

CC-by-nc-nd - by Robert-Tillmanns-Haus e.V.

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Eine Idee, wie wichtig Geschichte für das Verständnis der aktuellen Politik ist, gibt das Seminar Von der NSDAP zum NSU-Rechtsradikalismus in Deutschland. Dieses fünftägige Seminar soll den Blick schärfen, um rechte Tendenzen frühzeitig zu erkennen und richtig darauf zu reagieren. Es klärt auf über den Unterschied zwischen Faschisten und Rechtsradikalen, Nazis und Neozis und erläutert, was eigentlich unter Rechtspopulismus zu verstehen ist.

Rollmann: Dieses Seminar verstehen wir als unseren Beitrag zum Kampf gegen Rechtsradikalismus. Es beleuchtet das Thema zunächst auf einer historischen Ebene, bevor der Blick dann auf gegenwärtige Erscheinungsformen des Rechtsradikalismus gerichtet wird. Wichtig war uns dabei, zu vermitteln, wie heutzutage Neonazis versuchen, den öffentlichen Diskurs in einer getarnten Art und Weise zu durchdringen – es geht um das Phänomen des ‚netten Nazis von nebenan‘.

#apb13: Sie sprechen von der getarnten Art von Neonazis in diesem Diskurs. Was kann man darunter verstehen?

Rollmann: Sie verbreiten zum Beispiel in Internet-Foren frei erfundene Horrorgeschichten über kriminelle Ausländer bzw. Asylanten oder Moslems. So sollen auf eine subtile Weise der öffentliche Diskurs nach rechts  verschoben und rassistische Ressentiments verstärkt werden. Oder sie instrumentalisieren die Sorgen und Nöte der Bürger, um ihnen dann in kleinen Dosen rechtsradikale Ideologie zu verabreichen – ohne sich dabei als Neonazis zu erkennen zu geben.

#apb13: Und was muss/kann die Politik in diesem Bereich leisten? Die NPD verbieten und danach sind alle Probleme gelöst?

Rollmann: Ein NPD-Verbot wäre ein erster, längst überfälliger Schritt. Langfristig geht es aber vor allem um eine kontinuierliche Förderung der Initiativen gegen Rechtsradikalismus. Leider werden heutzutage meistens nur einzelne, kurzfristige Maßnahmen finanziert – wenn es gerade irgendwo schwere Übergriffe von Neonazis gab. Und sobald sich der Rauch verzogen hat, wird die Förderung dann auch wieder eingestellt. So kann man Rechtsradikalismus nicht bekämpfen! Zugleich sollten die verantwortlichen Politiker endlich aufhören, diejenigen, die sich gegen Rechtsradikalismus engagieren, erst einmal als Linksradikale zu verdächtigen.

#apb13: Die Veranstaltung möchte Handlungsweisen aufzeigen, mit denen man sich gegen rassistische Bemerkungen wehren kann. Wie wichtig ist Zivilcourage beim Thema Rechtsradikalismus?

Rollmann: Sehr wichtig! Rechtsradikalismus kann manchmal sehr brachial, manchmal aber auch auf leisen Sohlen auftreten. Manchmal grölt ein Neonazi laut in der U-Bahn, manchmal ist es aber auch der nette Herr im Café, der plötzlich ganz ‘merkwürdige’ politische Äußerungen macht. Man muss sich vorher genau überlegen, wie man in solchen Situationen jeweils reagiert – damit man nicht überrollt wird.

#apb13: Man kann, denke ich, sagen, dass das RTH Geschichte und Politik erfahrbar machen möchte. Ist dies wichtig im Hinblick auf die viel zitierte Politikmüdigkeit bei jungen Menschen, die angeblich in Deutschland immer stärker wird?

Rollmann:  Ich habe den Eindruck, dass das Interesse an Politik bei dieser Zielgruppe oberflächlicher geworden ist. Man will schnell und häppchenartig informiert werden – aber das Interesse an komplexen Zusammenhängen ist eher gering. Auch die Aufmerksamkeitsspanne scheint nachgelassen zu haben.

#apb13: Wie kann man dem Ihrer Meinung nach am besten entgegenwirken?

Rollmann:  Indem das Thema bereits in der Schule von den Lehrern in einer spannenden und anregenden Weise mit viel Engagement thematisiert wird – sodass  Anknüpfungspunkte für politische Bildungsarbeit jenseits der Schule geschaffen werden. Ich habe in meiner Arbeit mit Schulklassen häufig den Eindruck gehabt, dass viele Lehrer in diesem Zusammenhang nicht genügend tun. Außerdem sollte man nicht der Versuchung erliegen, das Problem durch eine Verflachung und Banalisierung der Bildungsinhalte zu lösen. Stattdessen sollte man den Jugendlichen klipp und klar kommunizieren, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, sich intensiv mit Politik zu beschäftigen. Denn gerade diese Generation wird mit großen Problemen wie z.B. Altersarmut, dem Abbau des Sozialstaates und den Auswirkungen des Klimawandels zu tun haben und bräuchte eigentlich ein kristallklares politisches Bewusstsein.

#apb13: Und ab welchem Alter sollte man versuchen Kindern bzw. Jugendlichen Politik nahe zu bringen?

Rollmann:  Als ich zur Schule ging, wurden wir in der neunten Klasse – im Alter von 14, 15 Jahren – zum ersten Mal mit Politik konfrontiert. Ich glaube, das war ein guter Zeitpunkt.

Die Veranstaltung
Von der NSDAP zum NSU-Rechtsradikalismus in Deutschland

Der Veranstalter
Robert-Tillmanns-Haus e.V.
An der Rehwiese 30
14129 Berlin
Deutschland
Berlin/Brandenburg
rth-berlin.de

Der Akteur
Niko Rollmann
Programmatischer Geschäftsführer
Tel. 030/803 66 02 | E-Mail info@rth-berlin.de