Der Magdeburger Dönerstadtplan

In Magdeburgs Dönerbuden. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

In Magdeburgs Dönerbuden. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Magdeburg – ist 200 km² groß, hat rund 230.000 Einwohner und ist mehr oder weniger bekannt für kulinarische Spezialitäten wie Bötel, Gehacktesstippe und Pottsuse. Und bald ist die Stadt bekannt für einen einzigartigen Stadtplan: den Dönerstadtplan donerkultour.de. Im Vortrag „Döner Kebap komplett“ stellte Turkologe und Islamwissenschaftler Mieste Hotopp-Riecke die Dönervielfalt Magdeburgs vor. Woher kommt der Döner? Was macht ihn hier so beliebt? Was bedeuten eigentlich die Begriffe Döner, Helal und Kebab? Im Vortrag geht es nicht allein um orientalische Gerichte, die Teil unserer Esskultur geworden sind, sondern besonders um die Menschen hinter den Tresen.

„Der Vortrag ist die Quintessenz aus den Erfahrungen im Nachbarschaftsprojekt Schöner leben mit Döner in Magdeburg“, sagt Hotopp-Riecke. Schüler und Senioren besuchten die Lokale, dabei sprachen sie mit den Besitzern, dokumentierten Rezepte und probierten natürlich auch die Gerichte. Die Nachbarschaftsgruppen entdeckten viele unterschiedliche Nationalitäten, Sprachen und Religionen in Magdeburgs Dönerlandschaft. Mit über 50 Dönerbistros hat Magdeburg eine höhere Dönerbuden-Dichte als Hamburg und damit lohnt es sich, sich hier einmal genau umzusehen, um die kulturelle Vielfalt Magdeburgs zu entdecken. Vor allem Menschen aus Pakistan, arabischen Ländern, Italien, aus dem Kaukasus und Deutschland sowie Kurden und Türken arbeiten in den Dönerläden. Ob man diese Unterschiede sehen kann? „Die Unterschiede kann man nur ausmachen, wenn man sich mit den Menschen hinter den Dönertresen unterhält, sich mit ihren Lebensgeschichten beschäftigt“, so Hotopp-Riecke. Er fand Geschichten von Trennung und Verlust – besonders jetzt in der Zeit des Syrien-Krieges – aber auch Erfolgsgeschichten.

Aufschlussreich können die Namen der Dönerläden sein, denn die Familiennamen oder Herkunftsorte werden oft bei der Namensfindung herangezogen. „Manchmal kommt auch beides zusammen, wie bei Bingöl-Döner: Herr Bingöl kommt aus Bingöl („Tausend Seen“) in Ostanatolien.“ Der Wissenschaftler Hotopp-Riecke erklärt weiter: „Aladin kommt von arabisch Allah-ad-din („Der Edle der Religion“), Dilan ist ein kurdischer Vorname (Die Herzliche) und Zaza spricht man Sasa mit weichem S wie Sauna. Zaza hebt ab auf die Türkei-stämmigen Menschen, die kirmançki, dimilkî oder zazakî sprechen, eine kurdische bzw. iranische Sprache.“ Viele der Gastronomen seien keine gelernten Köche oder Kellner, vielfach seien die Magdeburger Landenbesitzer Flüchtlinge. So beschränkt sich die Speisenauswahl auf Döner, Falafel, Börek und Co. Dennoch haben viele Lokale eigene Geheimzutaten, die den Geschmack verfeinern. Sie nutzen spezielle Gewürze, braten Kräuter direkt mit oder benutzen hochwertige Öle – je nachdem, wo die Ladenbetreiber herkommen.

Hotopp-Riecke hat sich auch die Menschen vor dem Dönertresen angeschaut, doch ein Muster ist nicht erkennbar: „Das geht quer Beet, fast jeder Imbiss hat seine Stammkundschaft. Bei den einen sind es slowakische Montagearbeiter, bei den anderen deutsche Rentner, deren Stammkneipe schon lange dicht hat. Im Zentrum gibt es mehr Laufkundschaft, in der Peripherie muss man eher auf Stammkundschaft bauen. Ansonsten ist es wie bei anderen Lokalen auch: Geschmackssache.“

Das Nachbarschaftsprojekt wird gefördert von der Robert Bosch Stiftung und vielen lokalen Partnern. Seit wenigen Wochen ist der Stadtplan nun online und über 35 Dönerläden sind bereits verzeichnet. Stück für Stück wird das Portal nun ausgebaut und mit einem Döner-Lexikon, Rezepten, Familiengeschichten und Infos zu den verschiedenen Sprachen und Religionen ergänzt. Jeder kann mitmachen und seine Dönergeschichten und Fotos an info@doenerkultour.de schicken.

Auf die Frage, wo man denn den leckersten Döner Magdeburgs bekommen kann, konnte Mieste Hotopp-Riecke keine eindeutige Antwort geben. „Weit vorn sind sicher KönigsDöner, KaiserDönerHavelstraße, ACAR, Bingöl, Urkesh und KebapHaus in der Liebknechtstraße.“ Als Tipp empfiehlt Hotopp-Riecke, mal die nicht so bekannten Gerichte zu probieren: „Karni Yarik („Aufgeschlitzter Bauch) oder Imam bayildi („Der Imam fiel in Ohnmacht“) sind mit Hackfleisch gefüllte, gebratene Auberginen und Müjver sind leckere Zuchini-Puffer.“ Guten Appetit.

DoenerKultour.de ist ein Projekt des ICATAT gefördert durch die Stiftung Mitarbeit, Bonn, im Programm „Werkstatt Vielfat“ aus Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung.
ICATA – Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien im Bildungs- und Innovationszentrum BIZ Magdeburg
Schwiesaustr. 11, 39124 Magdeburg
Tel.: +49 (0) 1573-1758823
Fax: +49 (0) 391-289225-9917
E-Mail: icatat@gmx.de

Veranstalter des Vortrags: LKJ Sachsen-Anhalt e.V.
Torsten Sowada
Liebig Str. 5
39104 Magdeburg
Tel.: 0391 24 45 174
torsten.sowada@jugend-lsa.de


Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC BY 4.0-Lizenz (mehr dazu). Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor: Melanie Kolkmann für Aktionstage Politische Bildung 2014.