Deutschland – Israel – ein Seminar, zwei Länder

Interview mit Gabriele Wiemeyer vom Gustav Stresemann Institut über das deutsch-israelische Seminar „Living together in diversity and resolving conflicts“ für Politische Bildner

Gabriele Wiemeyer, Foto privat

Gabriele Wiemeyer, Foto privat

#apb: Liebe Frau Wiemeyer, bitte stellen Sie sich kurz vor: Was ist Ihre Aufgabe am Gustav Stresemann Institut?
Wiemeyer:
Ich bin pädagogische Mitarbeiterin beim Gustav Stresemann Institut (GSI) in Niedersachsen e.V. und im Fachbereich „Interkulturellen Kompetenzen und Demokratie-Lernen“ verantwortlich für die Entwicklung und Durchführung von Fortbildungsangeboten für Multiplikator_innen zu diesem Themenfeld. Darüber hinaus bieten wir auch Inhouse-Schulungen an. Dann gehe ich als Interkulturelle Trainerin oder Demokratie-Trainerin in die Institutionen.

#apb: Ihr Seminar „Living together in diversity and resolving conflicts” findet zwei Wochen lang statt? Eine Woche in Deutschland und eine Woche in Israel. Was ist Idee zu dem Seminar?
Wiemeyer:
Das GSI hat sowohl in der Durchführung internationaler Veranstaltungen der Politischen Bildung eine große Expertise als auch in der Trainer_innen-Ausbildung für das aus der israelischen Friedenspädagogik stammende Demokratie-Training „Betzavta-Miteinander“. Vordiesem Hintergrund war es für uns naheliegend, pädagogische Fachkräfte aus beiden Ländern zum Austausch über konzeptionelle und praktische Zugänge, die in beiden Ländern im Kontext von „Diversity, Inklusion und demokratischer Konfliktmanagement“ entwickelt worden sind, zusammenzubringen – insbesondere im Jahr 2015, in dem das 50-jährige Bestehen der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehung begangen wird.
Dass das Projekt zwei Wochen – einen sogenannten In- und Out-Teil – umfasst, ist die Regel im bilateralen Austausch. Dies dient der Balance und dem Anliegen, nicht nur persönliche Kontakte zwischen Kolleg_innen zu schmieden, sondern auch konkrete Einblicke in die jeweils andere Gesellschaft zu vermitteln. In unserem Fall bedeutet das durch Projektbesuche vor Ort und das Kennenlernen von Good-Practise-Beispielen aus beiden Ländern das Bild von der jeweils anderen Gesellschaft zu erweitern.

#apb: Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Seminar?
Wiemeyer:
Deutschland und Israel sind sogenannte „multikulturelle“ Gesellschaften, die von einer Vielfalt der Lebenswelten geprägt sind. Einwanderung ist konstituierendes Element des Staates Israel und die israelische Gesellschaft setzt sich aus verschiedensten Einwanderungsgruppen zusammen. Auch Deutschland ist aus anderen Gründen Einwanderungsland und ist – wie ganz Europa – zurzeit in besonderer Weise mit dem Thema Flucht und Asyl konfrontiert, aber eben aktuell auch stark mit Bewegungen zur Abwehr von Vielfalt.
Beide Länder haben es aber als komplexe moderne Gesellschaften – unabhängig von Zuwanderung – selbstverständlich mit starker Binnendifferenzierung, d.h. der Existenz verschiedener Milieus, Kulturen und Lebenswelten zu tun.

Die meisten denken beim Stichwort Israel heute zuallererst an den israelisch-palästinensischen Konflikt. Andere inner-israelische Konflikte, wie die zwischen säkularen und orthodoxen Juden, zwischen den politischen Lagern oder zwischen arm und reich, treten in der Betrachtung häufig in den Hintergrund. Das Projekt soll es den Teilnehmenden ermöglichen, ein vielschichtiges und differenziertes Bild vom anderen Land zu entwickeln. Dazu wird u.a. beitragen, dass in der Gruppe aus Israel sowohl arabische als auch jüdische Israelis vertreten sind, die ihre unterschiedlichen Perspektive auf das Leben in Israel einbringen werden. Das Projekt dient also auch dem Dialog zwischen ihnen – genauso wie dem zwischen Israelis und Deutschen.

In Bezug auf den deutsch-israelischen Dialog ist natürlich die Auseinandersetzung mit der Frage des Umgangs mit der Geschichte des Holocaust und Formen des Erinnerns in beiden Ländern von besonderer Bedeutung. Im Kontext eines Besuchs von Bergen-Belsen werden die Teilnehmenden neuere pädagogische Zugänge der Gedenkstättenpädagogik kennenlernen, die aktuellen Menschenrechtsfragen im Fokus haben. Und in Israel wird sicher nicht nur das nationale Holocaust-Mahnmal Yad Vashem besucht werden, sondern auch das Ghetto-Fighter Museum, das seinen pädagogischen Auftrag stark gegenwartsbezogen interpretiert und Jugendliche in arabisch-israelischen Workshops zum Dialog einlädt.
Gerade mit Blick auf das Bild Israels in Deutschland, scheint es mir besonders wichtig, den deutschen Teilnehmenden in Israel Begegnungen mit Institutionen und Menschen zu ermöglichen, die persönlich nach Frieden streben und sich in ihrer Arbeit dafür stark machen.

Seminar 2013, Foto privat

Seminar 2013, Foto privat.

#apb: Wer sind die Teilnehmenden? Wie groß ist die Gruppe?
Wiemeyer:
Teilnehmen werden zehn deutsche und zehn israelische (jüdische und arabische) Fachkräfte der Jugendarbeit im Alter zwischen Anfang zwanzig und Anfang sechzig, die in den Feldern außerschulische, schulische sowie universitäre sowie frühkindlichen Bildung tätig oder in einem diesbezüglichem Studium sind. Sie sehen also, hier auch mit Blick auf die Zusammensetzung der nationalen Gruppen gilt das Prinzip der Vielfalt.

#apb: Was werden die Teilnehmenden machen?
Wiemeyer:
Neben Projekt- und Gedenkstättenbesuchen enthält das Programm Elemente mit Trainingscharakter: erfahrungsorientierte Übungen aus Interkulturellen- und Diversity-Trainings sowie dem Demokratie-Lernprogramm „Betzavta-Miteinander“.
Denn es ist Ziel des Projekts, nicht nur einen Gedankenaustausch über die zur Diskussion stehenden dialogischen pädagogische Konzepte zu führen, sondern sich selbst – gemeinsam mit den Kolleg_innen aus dem anderen Land – in einen erfahrungsorientierten Lernprozess zu begeben. Die Teilnehmenden haben so die Chance, zu erfahren, dass die Konfrontation mit den eigenen „blinden Flecken“ im Umgang mit Unterschiedlichkeit eine spannende Herausforderung sein kann und es möglich ist, Demokratie als Verhaltensform in vielfältigen Situationen des Alltags zu leben. Auf dieser Basis lassen sich Transfermöglichkeiten in die Praxis der Jugendarbeit dann viel fundierter diskutieren.

#apb: Das Seminar fand in einer ähnlichen Form schon einmal statt. Wie war da die Resonanz?
Wiemeyer:
Die Resonanz beim letzten Mal war sehr gut. Obwohl beide Gruppen sich in Bezug auf das Alter unterschieden, war man ausgesprochen neugierig aufeinander. In den ersten Tagen herrschte eine große „Euphorie der Begegnung“, wie wir es in der Austauschpädagogik nennen. D.h. man hatte sich so viel zu fragen und mitzuteilen, dass die fachliche Auseinandersetzung zunächst in den Hintergrund trat. Der Besuch in Bergen-Belsen hatte die verschiedenen Teilnehmenden auf unterschiedliche Weise berührt. Eine jüdische Teilnehmerin aus Israel konnte in einem langen Gespräch mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter mehr über eine ihrer dort umgekommenen Vorfahren erfahren. Eine arabische Teilnehmerin aus Israel hatte zum ersten Mal so viel über den Holocaust erfahren. Und für die deutschen Teilnehmenden war es eine besondere Erfahrung, eine KZ-Gedenkstätte gemeinsam mit Israelis zu besuchen. Auch war es für die deutschen Teilnehmenden eine überraschende Erfahrung, in Israel ganz überwiegend als Deutsche sehr willkommen zu sein.

#apb: Vielen Dank für das Gespräch.

 


Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC BY 4.0-Lizenz (mehr dazu).
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor (Text): Melanie Kolkmann für Aktionstage Politische Bildung 2015.