Echte politische Mitwirkung durch Kinder

Wer war Kurt Löwenstein? Und warum werden unter seinem Namen heute polnisch-deutsche Zirkusprojekte veranstaltet – aber bewußt selten mit Gymnasien?
Thomas Gill, Geschäftsführer, und Christine Reich, Pädagogische Leiterin der Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein gaben uns Antworten auf diese und weitere Fragen.

© Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein

Thomas Gill: Die Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein ist ein Tagungshaus für junge Menschen. Unser Haus liegt nordöstlich von Berlin im grünen Umland. Wir sind Berliner und Brandenburger Landesbildungsstätte und zugleich Bundesbildungsstätte des Jugendverbands „Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken“.

Christine Reich: Die Idee von Bildungsstätten ist es, einen Ort zu bieten, der sich vom Alltag unterscheidet, wo man nicht nur zusammen arbeitet sondern auch zusammen lebt und Spaß hat. Dies ermöglicht intensive  Bildungsprozesse, die neue Erfahrungen und Erkenntnisse fördern.

#apb13: Wer war Kurt Löwenstein und warum ist er der Namensgeber Ihres Hauses?

Christine Reich: Kurt Löwenstein war ein Berliner Sozialdemokrat, der 1939 im Exil starb. Er war Bildungsstadtrat in Berlin-Neukölln und langjähriger Vorsitzender der „Kinderfreunde“-Organisation in der Weimarer Republik. Die „Kinderfreunde“ sind eine der Vorläuferorganisationen der „SJD – die Falken“.

JBS Kurt Löwenstein Haupthaus

Haupthaus der Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein, © JBS Kurt Löwenstein

Thomas Gill: Löwenstein steht für die zerstörte Vielfalt, der gerade in einer Ausstellung in Berlin gedacht wird. Er steht für Bildungsexperimente und Schulreform in der Weimarer Republik, für eine Bildung für alle und Koedukation von Jungen und Mädchen. Kurt Löwenstein ging es um eine Demokratisierung aller Lebensbereiche. Dies hat er versucht umzusetzen, sowohl in der Schule als auch im Jugendverband. Dies war für ihn die Vorwegnahme – Antizipation einer künftigen Gesellschaft.

#apb13: Wie und mit wem arbeitet die Jugendbildungsstätte?

Thomas Gill: Wir bieten verschiedene Arten von Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Jugendarbeit an. Je nach Zielgruppe teilen sich auch unsere Bildungsbereiche auf.

Christine Reich: Zum „Wie“ ist zu sagen: Zunächst einmal ist uns wichtig, teilnehmendenorientiert zu arbeiten. Wir versuchen die Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen aufzugreifen und an ihren Erfahrungen und ihrem Alltag anzusetzen. Wir arbeiten häufig mit erlebnispädagogischen oder kreativen Methoden. Indem die Jugendlichen bei uns einen Prozess miteinander durchleben, an dessen Ende manchmal ein gemeinschaftlich erstelltes Produkt wie ein Videofilm oder ein Theaterstück steht, trainieren sie nicht nur den Umgang miteinander, sondern auch gemeinsam aktiv zu werden. Handlungsfähigkeit herzustellen ist uns wichtig. Die Jugendlichen sollen lernen, ihre eigenen Interessen selbst in die Hand zu nehmen und sich einzumischen, sei es in der Schule, bei der Ausbildung oder in ihrem Ort oder Stadtteil.

JBS Kurt Löwenstein Lagerfeuer

© JBS Kurt Löwenstein

Christine Reich: Ein Schwerpunkt unserer Arbeit sind Seminare mit Schülerinnen und Schülern, vor allem von Ober- bzw. Sekundarschulen. Wir arbeiten ganz bewusst selten mit Gymnasien zusammen.  Wir wollen vor allem diejenigen erreichen, die ansonsten kaum Gelegenheit hätten, in den Genuss außerschulischer Jugendbildung zu kommen. Häufig kommen sie als Klassenverband oder als kompletter Jahrgang in unser Haus, den wir aber für die Seminarzeit, wie bei den meisten unserer Veranstaltungen, in Kleingruppen aufteilen. Thematisch kreisen diese Angebote häufig um den Berich der Vermittlung sozialer Kompetenzen, wie zum Beispiel in Trainings zu Kommunikation und Konfliktlösung oder zur Berufsorientierung und Bewerbung, aber auch Themen wie Liebe, Freundschaft, Sexualität, Sucht und Süchte etc. In den letzten Jahren haben wir den Bereich der Interessenvertretung ausgebaut und bieten öfter Seminare für Schülervertreterinnen und -vertreter an.
Ein anderer Themenschwerpunkt ist der Bereich „Internet und Neue Medien“, der auf großes Interesse stößt, und zwar sowohl bei Schulklassen als auch bei Auszubildenden, für die wir Bildungsurlaubs-Veranstaltungen anbieten.

#apb13: Sie arbeiten aber auch über die Ländergrenzen hinaus …

Christine Reich: Ja, ein weiterer Bereich unserer Arbeit sind internationale Jugendbegegnungen, unter anderem mit Israel, Frankreich und Polen, die wir ebenfalls häufig in Zusammenarbeit mit Schulen organisieren. Gerade im deutsch-polnischen Bereich bieten wir aber auch viele frei ausgeschriebene Ferien-Veranstaltungen für Jugendliche an, unter anderem einen Zirkus-Workshop und ein Mädchenseminar.

JBS Kurt Löwenstein Niedrigseilgarten

Niedrigseilgarten © JBS Kurt Löwenstein

Thomas Gill: Unser internationaler Bereich hat noch eine zweite Seite: Mehrfach im Jahr veranstalten wir als Bundesbildungsstätte der „SJD – Die Falken“ Seminare mit über 120 Teilnehmenden aus ganz Europa und Nahost, die zumeist über sozialistische Partnerorganisationen in unser Haus kommen und aktuelle gesellschaftliche Themen diskutieren. Darüber hinaus bieten wir regelmäßige Fortbildungen für Aktive aus der Jugendarbeit an, auch diese zum Teil in internationaler Zusammenarbeit, wie die am 5. Mai zuende gegangene Fortbildung zusammen mit der israelischen Bildungsstätte „Givat Haviva“.

#apb13: Berichten Sie uns etwas von Ihrem Projekt “Vielfalt leben lernen“.

Christine Reich: Seit einigen Jahren haben wir uns auf ein Feld vorgewagt, das für die außerschulische politische Jugendbildung noch relatives Neuland ist: Wir arbeiten mit Grundschulen zusammen, zurzeit im Projekt „Vielfalt leben lernen“, das wir mit Partnerschulen in Berlin und Brandenburg durchführen. In dem Projekt geht es darum, den Umgang mit Vielfalt und Inklusion zu fördern, das heißt, wir wollen die Kinder darin stärken, Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit anzuerkennen und wertschätzend miteinander umzugehen. Dies geschieht vor allem bei Projektfahrten in die Bildungsstätte.  Aber darüber hinaus wollen wir auch die Schulentwicklung in den Bereichen „Diversity“ und „Inklusion“ fördern, indem wir didaktische Konzepte und methodische Handreichungen entwickeln. Ziel ist es, Lehrerinnen und Lehrer und Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, das Konzept „Eine Schule für alle“ auch wirklich leben zu können.

#apb13: Was verbirgt sich hinter dem “Ideenwettbewerb für Kinder: „Gemeinsam gegen Ausgrenzung“?

Christine Reich: Ausgrenzung ist ja gewissermaßen die Kehrseite des Lebens in Vielfalt.  Im Rahmen unseres Projekts „Vielfalt leben lernen“ arbeiten wir daran, dass Kinder niemand mehr aufgrund von Aussehen, Geschlecht, Behinderung oder falschen Klamotten etc. ausgrenzen. Zusätzlich zu unserem Seminarangebot haben wir einen Ideenwettbewerb entwickelt, bei dem Berliner und Brandenburger Schulklassen – oder auch einzelne Kinder – uns ein Problem und dessen Lösung schildern sollen: Die Kinder sollen eine Situation darstellen, in der sie Ausgrenzung oder Mobbing kreativ überwinden, und diese spielen, malen oder aufschreiben. Wir haben schon einige spannende Einsendungen bekommen und werden demnächst als Preis einen Tag als Klasse in unserer Bildungsstätte vergeben.

JBS Kurt Löwenstein Gruppenbild im Treppenhaus

© JBS Kurt Löwenstein

#apb13: Ab welchem Alter halten Sie es für sinnvoll, Menschen für politische Arbeit zu interessieren?

Thomas Gill: Die Frage müsste ja eigentlich lauten: Ab welchem Alter interessieren sich Kinder für öffentliche Angelegenheiten, die sie selbst betreffen? Wann und wie suchen sie nach Unterstützung, um eigene Interessen erkennen, formulieren und vertreten zu können? Wir stehen in der Tradition eines Jugendverbandes, der – seit der Zeit von Kurt Löwenstein in der Weimarer Republik – Kinder als eigenständige Subjekte anerkennt, die auch politische Interessen haben und die deshalb ein Recht darauf, diese auch vertreten zu können, und zwar nicht nur im Sinne einer Beteiligung sondern im Sinne einer echten Mitwirkung.

Christine Reich: Die Frage der politischen Bildung mit Kindern hat ja durch Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie einen neuen Schub bekommen, die – für uns nicht wirklich überraschend – festgestellt hat, dass Kinder sich sehr früh für Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Selbstbestimmung interessieren und durchaus in der Lage sind, eigene Interessen zu formulieren und auch zu vertreten. Dazu erwarten sie von den Erwachsenen Unterstützung, Anregung und Begleitung. Und genau dies versuchen wir mit unseren Angeboten für Grundschulkinder zu leisten. Unsere Erfahrungen geben uns bisher auch recht: Ein Thema wie „Kinderrechte“ kann Grundschülerinnen und -schüler geradezu elektrisieren und mit großer Leidenschaft zum Einfordern ihrer eigenen Rechte gegenüber den Erwachsenen ermutigen.

#apb13: Gibt es ein “Wunschprojekt”, dass Sie gerne in Ihrer Einrichtung verwirklichen würden?

Thomas Gill: Wir haben gerade mehrere „Wunschprojekte“ in der Planung, also Projekte, von denen wir uns wünschen, dass sie eine Finanzierung finden.
Ein Projekt kreist um die gerade erwähnte Frage der Menschenrechte, der Kinderrechte und Inklusion. Dabei geht es zum einen um Angebote für Kinder und Jugendlichen zu diesen Fragen und zum anderen um einen Prozess hin zu einer inklusiven Bildungsstätte, einer Bildungsstätte für alle.

Ein weiteres Wunschprojekt ist die Ausweitung unserer internationalen Bildungs- und Begegnungsarbeit. Dabei ist uns wichtig, dass es nicht bei einzelnen Begegnungen bleibt, sondern dass wir gemeinsam mit unseren zahlreichen Partnern in ganz Europa, bis zum Kaukasus und auch in Israel und Palästina, langfristig in einem Projektverbund zusammen arbeiten können.

#apb13: Hätten Sie einen Wunsch für die politische Bildung frei, was wünschten Sie sich?

Christine Reich: Ich wünsche mir, dass die politische Bildung mit Kindern in die Regelförderung aufgenommen wird, damit wir als Bildungsstätte auch nach dem Ende unseres Projekts „Vielfalt leben lernen“ weiterhin die Ressourcen haben, mit Kindern zu arbeiten.

Thomas Gill: Die Berliner und Brandenburger Jugendbildungsstätten haben vor einigen Jahren die Wunschvorstellung entworfen, dass jeder junge Mensch zumindest einmal die Chance haben sollte, für eine Woche an einem Projekt der politischen Jugendbildung in einer Jugendbildungsstätte teilzunehmen. Wir sind im Moment bei ca. 16% der Realisierung – Mitte der 90er Jahre waren es schon mal 21%. Unser Wunsch wäre es, genau dafür die erforderliche Förderung zu erhalten und zwar ohne weitere Zweckbindung, einfach weil és sinnvoll und wünschenswert ist, dass alle Jugendliche eine solche andere Bildungserfahrung machen können. Ich finde, wir sind damit eigentlich doch recht bescheiden.

Aktionstage 2012 – Podcast:

Thomas Gill von der Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein über den „Vielfalt-Kongress 2012: Herrschaft bekämpfen – Befreiung leben!“ und mehr.

Die Veranstaltungen
„Unser Zuhause ist das Internet“
„Vielfalt leben lernen“
Zukunftskonferenz „Grenzüberschreitende Mobilität“
„Alles online oder was?“

Der Veranstalter
Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein
Freienwalder Allee 8-10, 16356 Werneuchen/Werftpfuh
033398-8999-11, t.gill@kurt-loewenstein.de

Die Akteure

Thomas Gill, Geschäftsführer

Thomas Gill, Geschäftsführer

Christine Reich, Pädagogische Leitung

Christine Reich, Pädagogische Leitung