Ist Fußball politisch?

Seminarleiter Achim Czeschka. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Seminarleiter Achim Czeschka. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Ein Interview mit dem Seminarleiter Achim Czeschka

Jährlich findet in Mosbach eine Woche zum Thema „Fußball, Politik, Gesellschaft, Gender“ statt. Seminarleiter Achim Czeschka erzählt vom Bildungsurlaub 2014 im ver.di-Bildungszentrum.

#apb14: Herr Czeschka, würden Sie sich bitte kurz vorstellen: Wer sind Sie, und was ist ihre Aufgabe bei der Veranstaltung?
Czeschka: Ich bin Soziologe und arbeite seit 25 Jahren in der Erwachsenenbildung. Ich bin an der Konzeption der Seminarwoche beteiligt. Methodisch und inhaltlich entwerfe ich die Dramaturgie der Woche und moderiere die Seminargruppe.

#apb14: Fußball und Politik – wie passt das zusammen?
Czeschka: Auf den ersten Blick zunächst gar nicht. Aber bei näherer Betrachtung werden die Verbindungen deutlich. Fußball wird gerne von Herrschenden für Ihre Ziele genutzt und benutzt. Aber Fußball bietet auch Freiräume, gesellschaftliche Chancen und kann in Opposition zu gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen geraten. So kann sich ein basisdemokratisch geführter Proficlub während der Militärdiktatur in Brasilien heraus bilden, und Hoffnung auf das Andere machen. Oder ein ehemaliger, aus Bosnien stammender, Bundesligaprofi kann eine Fußballschule, mitten im belagerten Sarajewo gründen – eine Fußballschule in der Kinder, egal welcher Ethnie oder Religion sie angehören, teilnehmen können. Damit wurde eine Insel der Menschenrechte, mitten im Bürgerkrieg geschaffen. Trotzdem kann der Sport, eben nur Sport sein. Fußball kann immer nur betrachtet werden, im Zusammenhang der Gesellschaft und ihrer Verhältnisse. So war Fußball zu Beginn in England ein Elitensport.

#apb14: Was ist das für ein Seminar und wer sind die Teilnehmer?
Czeschka: Die Seminarwoche ist für jeden interessierten Menschen offen. Es ist eine klassische Bildungsurlaubwoche und wird vom ver.di Bildungszentrum Mosbach in Zusammenarbeit mit ver.di GPB (ver.di Gewerkschaftspolitische Bildung) veranstaltet.
Die Teilnehmenden kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern: Stadtwerke, Kliniken, Rentenversicherung, Verkehrsbetriebe, Finanzämter, Sozialarbeit. Sie haben – zu verschiedenen Zeitpunkten – biografische Erfahrungen mit dem Fußball gemacht. Die Seminarüberschrift hat sie neugierig gemacht, Fußball in für sie neuen Zusammenhängen zu betrachten. Bildungsurlaub bietet Freiräume zum Nachdenken und Austausch. Der Fußball bietet den Teilnehmenden die Chance, gesellschaftliche, politische und biografische Aspekte zu reflektieren. Sie entdecken ein bisher vertrautes Feld neu. Dadurch können neue Sichtweisen und neues Wissen entstehen.

Aus dem Seminar. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Aus dem Seminar. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

#apb14: Warum veranstalten Sie das Seminar, welches Ziel verfolgen Sie?
Czeschka: Fußball bietet die Möglichkeit, eine Fußball spielende Gesellschaft aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu betrachten. In den Spielen geht es um Macht und Zufall, Gewalt und Ohnmacht, Regelfolgen und Regelbrechen sowie um die Heroisierung des Subjekts. Ein Spiegelbild der Gesellschaft. Zudem kann die eigene Biografie in der Reflektion der Seminarwoche hinein gewoben, und so Verbindungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen hergestellt werden.

#apb14: Wie sind Sie zum Fußballexperten geworden?
Czeschka: Ich sehe Fußball als ein Abbild des Lebens. Mit genügend Lebenserfahrung kann Frau und Mann also Fußballexperte werden. Natürlich habe ich auch selbst Fußball gespielt. Später kam dann der soziologische und politische Blick auf den Fußball hinzu. Die Freude und Leidenschaft auf dem Fußballplatz wurde ergänzt durch eine sozusagen „intellektuelle Leidenschaft“.

#apb14: Frauenfußball – ist das immer noch Thema, das sich zu diskutieren lohnt?
Czeschka: Fußball ist immer noch eine Domäne der Männer – wahrscheinlich das letzte Refugium der Männlichkeit, das im Übrigen von den Männern engagiert verteidigt wird. Frauenfußball macht die letzte offensichtliche Vorherrschaft der Männer streitig. Darüber hinaus sprechen wir über Geschlechterbilder und über Homosexualität. Warum ist sie im Männerfußball immer noch nicht akzeptiert, im Frauenfußball hingegen schon?

Seminarergebnisse. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Seminarergebnisse. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

#apb14: Kann Fußball die Welt verändern?
Czeschka: Fußball ist das Spiel auf diesem Planeten. Aber Fußball wird nicht die Welt retten können. Er kann sie an manchen Stellen besser machen. Die Welt muss von den Bürgerinnen und Bürgern gerettet werden. Fußball kann einen Beitrag leisten, dass Menschen die ihnen zustehenden Bürger- und Menschenrechte wahrnehmen können.

#apb14: Wird es das Seminar noch einmal geben bzw. was planen Sie als nächstes?
Czeschka: Ja, auch nächstes Jahr wird es wieder einen Bildungsurlaub zum Fußball geben. Wir stellen jedes Jahr neue Schwerpunkte in den Mittelpunkt der Woche. Dieses Jahr wird es Brasilien sein. Die Geschichte des Fußballs ist gleichzeitig auch die Geschichte Brasiliens. Ausgrenzung und Rassismus, gesellschaftliche Teilung spiegeln sich auch im Fußball wieder. Die kritikwürdige Politik und WM-Organisation der FIFA und die Proteste im Land werden dieses Jahr thematisiert.

#apb14: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.
Czeschka: Vielen Dank auch Ihnen für Ihr Interesse. Und zum Abschluss ein Zitat des englischen Fußballtrainers Shankly: „Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ (Bill Shankly, 1913-1981)

ver.di-Bildungszentrum Mosbach
Am Wasserturm 1-3
74821 Mosbach
Tel.: 06261/942-0


Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC BY 4.0-Lizenz (mehr dazu).
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor: Melanie Kolkmann für Aktionstage Politische Bildung 2014.