Illegale Einreise – Ein Europäer im Selbstversuch

Flüchtlinge. Foto by Paul Knecht, nicht unter freier Lizenz.

Flüchtlinge. Foto by Paul Knecht, nicht unter freier Lizenz.

Der Fotojournalist Paul Knecht berichtet über seine Flucht als vermeintlich illegaler Flüchtling von der Türkei nach Griechenland. Gemeinsam mit Wolfgang Grenz führte er am 06.05.2014 die Podiumsdiskussion „Ich Flüchtling – Allein im Flüchtlingstreck“.

#apb14: Herr Grenz, Herr Knecht, bitte stellen Sie sich einmal kurz vor.

Grenz: Ich bin 67 Jahre alt und Jurist. Über 30 Jahre lang war ich hauptamtlicher Mitarbeiter in der Bundesgeschäftsstelle von Amnesty International. Einer meiner Schwerpunkte war der Flüchtlingsschutz, das Asylrecht und die Asylpolitik. Von 2011 bis 2013 habe ich das Amt des Generalsekretärs ausgeübt. Jetzt bin ich im Ruhestand, aber im Flüchtlingsbereich noch ehrenamtlich tätig.

Knecht: Als junger Fotojournalist arbeite ich immer wieder an Reportagen über humanitäre Missstände. Da dies finanziell wenig erträglich ist, finanziere ich mich über Nebenjobs. Zur Zeit gründe ich mit einem Kollegen eine kleine Agentur für Fotojournalisten.

#apb14: Herr Knecht, Sie ließen sich, getarnt als Flüchtling, von der Türkei nach Griechenland schleusen. Wie kam es zu dieser Aktion?

Knecht: Als Fotojournalist habe ich schon öfter über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland und Europa berichtet. Dabei blieb mir eine Begegnung im Gedächtnis: In Nordfrankreich traf ich einen Flüchtling aus dem Iran. Er erzählte mir, wie er nach Europa kam. Was er erzählte war schockierend. Seiner Erzählung nach kamen er und seine Freunde lediglich mit einer Schwimmweste aus PET-Flaschen über den Grenzfluss Evros von der Türkei nach Europa. In den folgenden Monaten recherchierte ich, wie Flüchtlinge nach Europa kommen, welche Routen es gibt, wer im Hintergrund die Fluchtrouten kontrolliert und welchen Gefahren die Flüchtlinge dabei ausgesetzt sind. Im Sommer 2012 flog ich dann nach Istanbul. Nach einem Monat fand ich einen “Vermittler”, der mich, getarnt als Georgier, an einen Schleuser übergab.

#apb14: Wie ging es dann weiter, nachdem Sie den Schleuser gefunden hatten?

Knecht: Am Abend der Flucht trafen wir uns alle in einem heruntergekommenen Hotel. Hier wurde uns von den Vermittlern das Geld für die Flucht abgenommen, in meinem Fall 300 €. Als wir bezahlt hatten, verschwanden die Schleuser im Hinterzimmer und wir mussten warten. Irgendwann wurden wir aufgefordert, den beiden Schleusern zu folgen. Sie brachten uns zu unserem Fluchtwagen, einem kleinen Transporter. Bereits zu Beginn mussten wir uns zu viert in den Kofferraum setzen. Unterwegs hielten wir immer wieder an und es stiegen weitere Flüchtlinge ein, sodass es zunehmend enger wurde. Irgendwann wurde noch eine Kiste mit dem Fluchtboot eingeladen. Die Fahrt war rasant, ich konnte auf dem Tacho erkennen, dass wir mit 180 km/h über die Autobahn rasten. Nach ca. 3 Stunden erreichten wir ein Sumpfgebiet. Hier sollten wir mit einem der Schleuser aussteigen. Geduckt ging es durch den Sumpf. Abwechselnd trugen wir die Kiste mit dem Boot. Als ein kleiner Junge stolperte und zu weinen begann, hielt der Schleuser ihm ein Messer an den Hals und schrie den Vater an, er solle das Kind beruhigen. Während wir durch den Sumpf wateten, verloren wir jede Orientierung. Nach Stunden erreichten wir den Fluss und warteten auf weitere Gruppen von Flüchtlingen. Plötzlich ging alles ganz schnell und es hieß „Boot aufblasen, Boot aufblasen“. Es war vorher abgesprochen, dass der Schleuser mit uns ans andere Ufer rudert. Stattdessen stieß er, nachdem wir alle drin saßen, unser Boot ins Wasser und warf uns die Paddeln hinterher. Unser Boot begann augenblicklich, sich zu drehen, und wir hatten Schwierigkeiten, gegen die Strömung anzukommen und das Boot am Kentern zu hindern. Irgendwann hatten wir es dann aber ans Ufer geschafft und rannten los. Ziel der Flüchtlinge ist fast immer Athen und um dorthin zu kommen, muss man den Zug aus dem nächsten Ort nehmen. Also liefen wir in diese Ortschaft und dort direkt der Grenzschutzpolizei in die Arme. Ein Helikopter der Grenzschutzpolizei, ausgerüstet mit einer Wärmebildkamera, hatte uns bereits entdeckt, als wir das Ufer erreicht hatten und so wurden wir letztlich abgeführt und auf das Polizeipräsidium gebracht, wo über unsere weitere Zukunft entschieden werden sollte.

#apb14: Als man Sie dann in Griechenland aufgriff, wurden Sie wegen illegaler Einreise verhaftet, obwohl Sie sich als EU-Bürger ausweisen konnten. Wie fühlten Sie sich in diesem Moment als “Illegaler”? Wie ist der aktuelle Stand des Verfahrens?

Knecht: Für mich selber war es eine demütigende Erfahrung als illegal abgestempelt zu werden. Als Journalist aus Deutschland, so war ich der Ansicht, muss es möglich sein, über die größte humanitäre Katastrophe in der EU zu berichten. Trotzdem wurde ich festgenommen und in einem Schnellverfahren ohne Anwalt zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und einer Geldstrafe von 15.000 € verurteilt. Begründung: Illegale Einreise nach Griechenland. Die Tatsache, dass ich Journalist und EU-Bürger bin, wurde dabei schlicht nicht berücksichtigt. Direkt im Anschluss wandelte man die Haftstrafe in eine weitere Geldstrafe, bevor mich das Gericht im Berufungsverfahren ein Jahr später dann von allen Vorwürfen freisprach.

#apb14: Immer wieder hört man von Flüchtlingen, die beim Versuch nach Europa zu gelangen, ihr Leben verlieren. Hatten Sie vor bzw. während ihrer Flucht Angst, dass Ihnen ähnliches widerfahren könnte?

Knecht: Man hört diese Horrorgeschichten hauptsächlich von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer fliehen. Zu meiner Reportage im Sommer 2012 war der Grenzfluss Evros zwischen der Türkei und Griechenland noch nicht so gut gesichert. Auf dieser Route kommen auch immer wieder Flüchtlinge ums Leben. Er ist von der Gefahr aber nicht vergleichbar mit der Mittelmeerpassage. Daher entschied ich mich bewusst für den Weg, der mir am sichersten erschien. Trotzdem ist es ein breiter, reißender Fluss und wir waren zu zwölft auf einem kleinen Schlauchboot, was eigentlich für zwei Personen entwickelt wurde. Viele der Flüchtlinge können nicht schwimmen. Für sie ist es fatal, wenn ein solches Schlauchboot kentert.

#apb14: Herr Grenz, Sie als Experte kennen sicher viele Geschichten von gelungenen und misslungenen Fluchten. Wie beurteilen Sie Herrn Knechts Aktion?

Grenz: Mit seiner Aktion ist es Paul Knecht gelungen, die Situation von Menschen auf der Flucht realistisch zu beschreiben. Er hat aufgezeigt, dass Menschen lebensgefährliche Wege auf sich nehmen, um entweder einer Verfolgung zu entkommen oder sich den Traum einer Lebensperspektive in Europa zu erfüllen. Er hat die Abhängigkeit von Schleppern und ihr unverantwortliches Handeln sowie die rigide Grenzpolitik Europas – hier am Beispiel Griechenlands – dokumentiert.

#apb14: Herr Knecht, haben die Erlebnisse während Ihrer Flucht Sie verändert?

Knecht: Mein Unverständnis, warum man sich in Europa einfach damit abfindet, wurde größer. Unter diesen Menschen sind Familien mit kleinen Kindern. Warum wir Europäer nicht in der Lage sind, diesen Menschen gemäß den geltenden rechtlichen Vereinbarungen ausreichenden Schutz zu bieten, macht mich wütender als zuvor. Wenn man selber so etwas miterlebt hat, dann geht die Distanz zum Thema verloren. Man begreift, was es heißt, als „Illegaler” auf der Flucht den Schleusern ausgeliefert zu sein.

#apb14: Wie sehen Sie beide als Experten die Problematik der Flüchtlinge und Asylsuchenden?

Grenz: Flüchtlinge erhoffen sich Schutz in Europa vor Verfolgung und Krieg. Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten bekennen sich zwar zum Flüchtlingsschutz. In der Praxis wollen sie aber Flüchtlinge und Migranten daran hindern, nach Europa zu gelangen. Sie fühlen sich mit dem Zugang von Flüchtlingen überfordert.

Knecht: Es muss ein Weg gefunden werden, wie Schutzsuchende legal nach Europa kommen können. Eine Möglichkeit, schnell und unkompliziert Asyl im Ausland zu beantragen, fehlt. Die Realität in den Krisengebieten hat nichts mit den aufwändigen, bürokratischen Prozessen zu tun, wie man theoretisch auf legalem Weg nach Europa gelangen kann. Genau deswegen nehmen so viele Menschen die Gefahren der illegalen Einreise auf sich. Hinzu kommt, dass die EU die Landrouten weiter erschwert. So wurde der Grenzfluss Evros 2013 mit Hindernissen präpariert. Eine Flucht, wie ich sie miterlebt habe, ist so deutlich schwieriger geworden. Unterm Strich führt diese Grenzabschottung dazu, dass Flüchtlinge sich auf die noch risikoreicheren Mittelmeerrouten wagen. Dabei steigt die Zahl der Toten.

#apb14: Herr Grenz, wie müsste man Ihrer Meinung nach der Problematik begegnen und was muss sich ändern, damit es solche Geschichten irgendwann einmal nicht mehr zu erzählen gibt?

Grenz: Die EU muss ihr Bekenntnis zum Schutz von Flüchtlingen ernst nehmen und in der Praxis umsetzen. Dazu gehören verbesserte Maßnahmen zur Rettung von Flüchtlingen, die im Mittelmeer in Seenot geraten sind. Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten wie z.B. Syrien muss schnell und unbürokratisch die Einreise nach Europa ermöglicht werden. Die Staaten an den Außengrenzen der EU müssten bei der Aufnahme von Flüchtlingen verstärkt von den anderen Mitgliedstaaten unterstützt werden, denn schließlich nehmen sie die Flüchtlinge sozusagen stellvertretend für die gesamte EU auf.

#apb14: Warum geht das Thema „Flüchtlinge und Asyl” uns alle etwas an?

Grenz: Das Thema der Flucht nach Europa und der Abwehr von Flüchtlingen an den Grenzen Europas betrifft uns alle als Bürger der EU. Europa und die EU verstehen sich als Wertegemeinschaft, die sich zu den Menschenrechten – und dazu gehört auch der Schutz von Flüchtlingen – bekennt. Dies sollten wir von den Verantwortlichen in der EU und in ihren Mitgliedstaaten einfordern. Kommen Flüchtlinge zu uns, können wir durch politische und individuelle Unterstützung zeigen, dass Verfolgte bei uns Schutz finden können und willkommen sind.

Knecht: Wir Journalisten können lediglich über die Situation berichten. Aber wir, die Bürger können eine Entscheidung treffen. Wir alle haben in regelmäßigen Abständen eine politische Wahl, auch jetzt wieder bei der Europawahl. Wir sollten uns genau anschauen, wen wir warum wählen. Geht es bei der politischen Mitbestimmung um krumme oder gerade Gurken oder um den Schutz von Menschen?

#apb14: Vielen Dank für das Gespräch Herr Grenz und Herr Knecht.

http://www.amnesty-heidelberg.de/


Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC BY 4.0-Lizenz (mehr dazu). Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor: Cathrin Bott für Aktionstage Politische Bildung 2014.