Institut für Migrations- und Aussiedlerfragen – Leben und lernen unter einem Dach im St. Hedwigshaus

Die Heimvolkshochschule St. Hedwigshaus hat sich auf Seminare und Workshops für Migrations- und Aussiedlerfragen spezialisiert. So partizipierte die Einrichtung beispielsweise am EU-Projekt “UPS- Unused Potentials of Senior Migrants”.

#apb13: Guten Tag Herr Dr. Müller. Gerne würden wir zunächst erfahren, was Ihre Position innerhalb des St. Hedwigshauses ist.

Ich leite diese Bildungsstätte. Der Name der Bildungsstätte lautet genau: Institut für Migrations- und Aussiedlerfragen – Heimvolkshochschule St. Hedwigshaus.

#apb13: Und was genau kann ich mir unter dem Institut für Migrations- und Aussiedlerfragen vorstellen?

Die Heimvolkshochschule ist eine staatlich anerkannte Einrichtung der Erwachsenenbildung mit Internatsbetrieb, die grundsätzlich jedem interessierten Bürger offen steht. Zielgruppen sind mehrheitlich Neubürger aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, mit denen insbesondere politische Bildungsarbeit geleistet wird. Heimvolkshochschulen und Akademien sind Orte, an denen das Lernen noch Raum und Zeit findet, es sind genuine Orte zur Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung, in unserem Fall der Migrantengruppen. Wir haben uns der zentralen Herausforderung  der „Beheimatung von Neubürgern“ gestellt.

St. Hedwigshaus, St. Hedwigshaus

St. Hedwigshaus, © St. Hedwigshaus

#apb13: Sie sprechen davon, dass Sie einen Internatsbetrieb haben. Was genau bedeutet dies?

Wir sind sozusagen eine Bildungsstätte mit einem einfachen  Hotel inmitten des des Teutoburger Waldes, also mitten in der Natur. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen lernen und leben unter einem Dach. Durch den Einsatz von hauptberuflichen und nebenberuflichen pädagogischen Mitarbeiter/innen, durch ein kontinuierliches Angebot, durch methodisch-didaktische Begleitung und gemeinsame Projekte sind wir ein Ort des offenen Dialogs, sind wir ein
Ort der Informationsvermittlung und ein Ort des Verstehens und der Ruhe und Entspannung.

#apb13: Sie sagen, dass gerade Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion Ihre Einrichtung besuchen. Also arbeiten Sie hauptsächlich für Migrant/innen und nicht nur über Migrant/innen.  

Seit 1990 konzentriert sich die Bildungsarbeit auf die Arbeit insbesondere mit Russlanddeutschen, der größten Migranten/innengruppe in unserem Lande. Die demographische Vitalität dieser Neubürger/innen ist mit Gewinn für unsere Gesellschaft zu nutzen, wenn es gelingt, Brückenmenschen aus dem Kreis der Betroffenen zu gewinnen. Sie können den Integrationsprozess an den entscheidenden Stellen, wie Schulen, Kirchengemeinden und  Vereinen begleiten. Talente entdecken, fördern und fordern sind dabei unsere Handlungsfelder. Das Vertrauen zwischen unseren Mitarbeiter/innen und den Teilnehmer/innen liegt in der Begegnung auf Augenhöhe und der viel zitierten benediktinischen Gastfreundschaft begründet.

#apb13: Und wie sehen die Angebote des Instituts für Migrations- und Aussiedlerfragen aus?

Vorwiegend bietet die Heimvolkshochschule Bildungmaßnahmen im Bereich der politischen Bildung an. In kleinen Anteilen bieten wir jedoch auch Fortbildungen aus den Bereichen religiöse, berufliche und wissenschaftliche sowie Eltern- und Familienbildung aber auch personenbezogene Bildung und freizeitorientierte und Kreativität fördernde Bildung an.
Die Ziele der Heimvolkshochschule sind es, Einsicht in die kommunikativen Grundzusammenhänge von Politik, Wissenschaft, Recht, Religion, Kunst und Moral zu vermitteln. Wir möchten Toleranz und Respekt als Grundvoraussetzung von Freiheit und Demokratie pflegen. Des Weiteren ist es unser Bestreben, durch Bildungsveranstaltungen zu Bestand und zur Zukunft einer freiheitlichen Gesellschaft und des demokratischen Staates beizutragen. Als unsere Aufgabe sehen wir ferner, die für die Bildungsarbeit erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen und diese Bildung in Zusammenarbeit mit der Vielzahl der in unserer Gesellschaft vorhandenen Gruppen zu vermitteln.

#apb13: Ihr Themenspektrum klingt sehr umfangreich. Wie kann man sich diesbezüglich die Arbeit des Institutes für Migrations- und Aussiedlerfragen vorstellen?
 
Unsere Arbeit konzentriert sich auf lebenslanges Lernen in den Bereichen der politischen, sozialen und kulturellen Erziehung. So bieten wir in unseren Seminaren beispielsweise folgende Themen an:

  • Partizipation in der Kommune
  • Beheimatung: Integration fördern – Zuwanderung gestalten
  • Dialog zwischen den Kulturen und Religionen
  • Integration durch interkulturelle Kompetenz
  • Die neue Arbeitswelt als Herausforderung für Zugewanderte

Unsere Projekte laufen methodisch als Seminare, Runde Tische, Trainings, Zukunfts-  und ästhetische Werkstätten. Unsere Arbeit hat in großem Maße zur Versöhnung und zu guten Beziehungen mit anderen Ländern beigetragen, insbesondere mit Polen. Gemeinsames Leben, gemeinsames Arbeiten, Lernen, Essen und das über möglichst längere Zeiträume, sind ideale Voraussetzungen für vielfältige Erfolgserlebnisse für alle Beteiligten.

#apb13: Besonders interessant klingt es, dass Sie Trainings anbieten. Könnten Sie hierzu ein konkretes Beispiel aus einem Training aufführen?

Die Trainings sind in der Regel Kommunikationstrainings mit dem Schwerpunkt der interkulturellen Kommunikation. Viele Übungen und Fallbeispiele aus dem Alltag der Teilnehmer/innen werden durchgespielt und aufgearbeitet. Das gilt auch für unsere Zukunftswerkstätten. Die lassen sich z.B. sehr wirksam einsetzen, um ehrenamtliche Arbeit vor Ort in der Kommune positiv zu beeinflussen. Die Ideen der Beteiligten werden hier genauso aufgenommen wie die Kritik an der Ausgangssituation, um dann eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten.

#apb13: Welchen zeitlichen Umfang hat solch ein Training?

Normalerweise erstreckt es sich über ein Wochenende, aber auch über ein ganzes Wochenendseminar.. Wir hatten in unserem großen EU-Projekt „UPS – Unused Potentials of Senior Migrants – Experts for Life“ sogar zehn Tage für ein solches Training zur Verfügung; mit sehr unterschiedlichen Inhalten vom Projektmanagement über den Umgang mit Emotionen bis hin zu den besagten interkulturellen Trainings.
Die Arbeit in einem Training ist sehr intensiv, sie ist mit  sehr viel Freude am Mitmachen verbunden sowie mit  sehr viel Bewegung und zum Abschluss auch mit sehr viel persönlicher Erkenntnis.

#apb13: Und wie viele Veranstaltungen finden in Ihrem Haus insgesamt pro Jahr statt?

Wir führen pro Jahr ungefähr 130 Seminare mit ca. 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch. Diese dauern zwischen zwei und fünf Tagen.

#apb13: Bereits seit mehreren Jahren nimmt Ihre Einrichtung an den europäischen Projekten Grundtvig und Sokrates teil. Bitte erzählen Sie uns näheres zu den Projekten: Worum geht es dabei?

Als Beispiel möchte ich hier das multilaterale Grundtvig Projekt “Unused Potentials of Senior Migrants / Experts for Life” vorstellen, welches sich über einen langen Zeitraum, nämlich vom  01.10.2010 bis zum 30.09.2012, erstreckte.
Das Projekt “UPS” hat zum Ziel die Rekrutierung, Auswahl, Qualifizierung und Implementierung von älteren Migrant/Innen und die Publizierung eines Selbsthilfehandbuchs. Fremde und Migrant/innen müssen sich in einer neuen Welt, in einem anderen Milieu zurechtfinden. Alte Methoden gegenseitiger Hilfe und Betreuung, z.B. in der Familie, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, können nicht mehr gelebt werden und sind in der Gefahr, verloren zu gehen. Auf der einen Seite gibt es viele ältere Migrant/innen, die sich nutzlos fühlen und unter Vereinsamung leiden, deren Talente und Fähigkeiten nicht genutzt werden und die sich gerne neuen Aufgaben stellen würden. Auf der anderen Seite gibt es Migrant/innnen, die dringend Hilfe benötigen und die lieber Hilfe von Leuten aus dem eigenen Kulturkreis annehmen wollen und können als von „Fremden“.

#apb13: Richtet sich das Projekt an eine bestimmte Gruppe von Zuwanderern?

UPS richtet sich an ältere Migrant/innen. Sie sind „Experten fürs Leben“ unterschiedlicher Migrantenmilieus, die eine Brückenfunktion übernehmen sollen zu anderen Migrant/innen des jeweiligen Milieus, die in verschiedenen Lebensbereichen Unterstützung brauchen. Entsprechende Senior Migrants werden mithilfe eines eigens entwickelten Auswahlverfahrens ausgewählt. Parallel zum Auswahlverfahren läuft die Entwicklung eines innovativen Trainingsprogrammes, mit dem die Senior Migrants ausgebildet werden. Über die eingesetzten methodisch-didaktischen Konzepte wird ein Handbuch verfasst, das europaweit verbreitet werden kann. Nach Ausbildung der Senior Migrants sollen diese u.a. über Selbsthilfeorganisationen für Migrant/innen, Kommunen, Integrationsagenturen und Wohlfahrtsverbände soziale Netze in den jeweiligen Partnerländern aufbauen, um Zugänge zu hilfsbedürftigen Migrant/innen zu erschließen und das Konzept UPS weiterzuverbreiten.

#apb13: Wie kam die Zusammenarbeit bzw. das Interesse gerade an diesem Projekten zustande?

Alle Partnerinstitutionen arbeiten mit Migrantinnen und Migranten. Trotz dieser Gemeinsamkeit ist ihre Einbindung in die bestehenden Migrantenmilieus sehr unterschiedlich. Durch diesen Sachverhalt erweitern die Projektpartner ihre Horizonte und ihre Kompetenzen für ihre tägliche Arbeit nicht unerheblich. Auch festzustellen ist, dass jede Institution eine unterschiedliche Aufgabenstellung hat, zum Beispiel Weiterbildung, Beratung oder Sozialarbeit. Die Erfahrungen in diesen unterschiedlichen Aufgabenfeldern und die Kommunikation dieser Erfahrungen bewirken untereinander den Mehrwert.

#apb13: Ihre Einrichtung möchte mit Ihren Angeboten die Integration von Migrant/innen fördern. Glauben Sie, dass bürgerschaftliches Engagement Migrant/innen bei der Integration helfen kann?

Ich denke, dass der Weg vom informierten Neubürger über den Bürger mit Interventionskraft zum Aktivbürger führt.

#apb13: Im Rahmen der Aktionstage Politische Bildung 2013 bieten Sie die Veranstaltung “Migration und Integration in Europa” an. Können Sie uns sagen, was bei diesem Seminar inhaltlich passieren wird?

Wir sehen uns die Wanderungsbewegungen in Europa etwas genauer an und anhand einiger Länderbeispiele die jeweiligen gesellschaftlichen Reaktionen. Anhand eines ganz konkreten Projektes, „Focus on culture“,  wird ein Konzept für die Bildungsarbeit mit Migrantengruppen vorgetragen. Hier können die Teilnehmer/innen eine Möglichkeit der praktischen Umsetzung des europäischen Gedankens kennenlernen.

#apb13: Was kann ich nach dem Besuch der Veranstaltung für mich mitnehmen?

Die EU ist in Bewegung, die meisten EU-Bürger und Bürgerinnen migrieren zwar bisher aus den osteuropäischen Nachbarstaaten nach Deutschland und weniger aus den krisengeschüttelten Staaten wie Griechenland und Spanien, doch das kann sich sehr schnell ändern.
Ziel des  Seminars ist es, den zugewanderten Neubürgern/innen Wissen über die aktuelle Lage der Migration in Europa zu vermitteln, die eine Teilnahme am politischen Leben erleichtern und die Urteilsfähigkeit stärken. Sie sollen erkennen, inwiefern das Wissen von gesellschaftlich-politischen Prozessen notwendige Voraussetzung zur Festigung der Demokratie in Europa ist.

#apb13: Muss ich mir die Arbeit eher praktisch oder theoretisch vorstellen?

Gesellschaft ist Kommunikation und Kommunikation besteht zunächst einmal darin, Unterscheidungen zu treffen und das setzt Beobachtung voraus. Theorie und Praxis gehen sozusagen ineinander über. Theorie meint ja nichts anderes als beobachten. Es geht dann immer darum, zu erkennen, was man beobachtet, wie man beobachtet, was man sieht und was man nicht sieht.

#apb13: Gibt es für die Zukunft ein “Wunschprojekt/Wunschseminar”, welches Sie gerne in Ihrem Haus verwirklichen würden?

Ja, “Wie innovativ ist es, kontinuierlich zu arbeiten?”
Die Projektidee hat auch den Weiterbildungsalltag so durchdrungen, dass es immer schwerer fällt, die Dinge so zusammenzuhalten, dass so etwas wie Stabilität, wie Orientierung, wie Kontinuität erreicht werden, etwas von dem, was in den Klöstern stabilitas loci genannt wurde. Viele Kolleg/innen und viele Mitbürger/innen beklagen diese Situation des Schnelllebigen. Gerade wir in einer Heimvolkshochschule sind geradezu verpflichtet, einen unserer Hauptvorteile des Lernens mit Raum und Zeit des gemeinsamen Lernens unter einem Dach mehr herauszustellen.

#apb13: Herr Dr. Müller, vielen Dank für das Gespräch.

v.l.n.r. Dr. Johannes Stefan Müller mit den Pädagogen Margarita Bergen, Barbara Babilon-Tillmann, Ulrich Brinker

v.l.n.r. Dr. Johannes Stefan Müller mit den Pädagogen Margarita Bergen, Barbara Babilon-Tillmann, Ulrich Brinker, © St. Hedwigshaus

Die Veranstaltung
Migration und Integration in Europa

Der Veranstalter
Institut für Migrations- und Aussiedlerfragen
Heimvolkshochschule St. Hedwigs-Haus gem. e. V.
Hermannstr. 86
33813 Oerlinghausen
Deutschland
Niedersachsen
http://www.st-hedwigshaus.dehttp://www.epiz-berlin.de/#
Der Akteur
Dr. Johannes Stefan Müller
Tel: 05202/91650 | E-Mail: info@st-hedwigshaus.de