Mitmachnetz und Digitale Demokratie

Neue Medien in der kirchlichen Jugendbildung – (k)eine Selbstverständlichkeit? Ein Interview über Veranstaltungen zu und mit Social Media für Multiplikatoren und Jugendliche.

“Selbstverständlich spielt die Medienwelt Jugendlicher auch in der evangelischen Jugendarbeit eine große Rolle”, sagt Tobias Thiel, Studienleiter an der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt.
“So haben wir für den Jugendbereich eine Homepage, einen Youtube– und Twitter-Kanal und eine Facebook-Seite”, ergänzt er und schränkt ein, dass es nur selten gelingt, junge Menschen längerfristig an diese Medien zu binden. Als sich in der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (ET) – der Fachorganisation der politischen Jugendbildung im Bereich der Evangelischen Kirche – eine Medien-Arbeitsgruppe bildete, war er sofort dabei. So wird inzwischen im Projekt Shape the Future an acht verschiedenen Standorten mit Jugendlichen medial dazu gearbeitet, wie sie sich Zukunft vorstellen. Die Themenpalette reicht dabei von Stadtentwicklungsprojekten, über die Gestaltung einer Tagebaulandschaft bis zu den großen globalen Themen Klimawandel und Entwicklung eines nachhaltigen Lebensstils. Dabei werden konsequent neue Methoden und aktuelle Medien wie Machinima, Geocaching, Facebook-Gruppen, Barcamps, Hackdays und internationale Videokonferenzen eingesetzt.

#apb12 befragte Hendrik Pistor, Kinder- und Jugendpfarramt der Ev. Kirche in Mitteldeutschland und Ole Jantschek, Ev. Akademie Arnoldshain, die im Zeitraum der Aktionstage politische Bildung Veranstaltungen für Jugendliche und Jugendmitarbeiter zur Nutzung sozialer Netzwerke für mehr Beteiligung durchführen.

#apb12: Kirchliche Bildungsarbeit mit ihrer langen Tradition und Neue Medien wie Facebook und Co – inwiefern passt das zusammen?
Hendrik Pistor: Die Kirche und ihre Bildungsarbeit verstehen sich als Teil der Gesellschaft. Damit sollten die Kirche auch eng mit den gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden sein. Auf dem Gebiet der sozialen Medien passiert gerade unglaublich viel, das Einfluss auf den Alltag der Menschen, auf die Politik und das kulturelle Setting der Gesellschaft hat. Da gehört Kirche hin, und da ist sie auch wichtig. Ich verstehe Kirche auch in dieser Beziehung als eine Stimme in der Gesellschaft, die mit ihrem eigenen ethischen Kompass, ihrem Menschenbild die Entwicklungen begleitet, hinterfragt und mitgestaltet. Und sich möglicherweise dabei auch selbst verändert. Abgesehen davon: In der Jugendbildung müssen wir die Jugendlichen da abholen, wo sie sind, und sie sind im Netz.

Ole Jantschek: Besonders für die Evangelische Akademien gilt: Wir sind Orte der Freiheit, an denen Wissensbestände vernetzt werden und neue Ideen aus einem freien Gedankenaustausch entstehen. Dabei war die Grundidee schon immer: Neue Lösungen brauchen den Brückenschlag zwischen unterschiedlichen Disziplinen und eine möglichst hierarchiefreien Diskussion. All das sind Vorzüge, die man auch dem Netz zuschreibt. Deswegen lohnt es sich, beides zusammenzubringen.

#apb12: Es wird eine Veranstaltung Mitmachnetz und Digitale Demokratie geben.  Worum geht es dabei?
Ole Jantschek: Uns interessiert wie sich Beteiligung und Engagement durch soziale Medien ganz konkret verändern. Die Diskussion zur digitalen Demokratie ist sehr vielschichtig. Mein Eindruck ist aber, dass ein großer Teil davon noch Expertinnen und Experten vorbehalten ist. Diskussionen zu Open Data oder Open Government, selbst Bürgerhaushalte und kommunale Beteiligungsverfahren erreichen nur eine interessierte Teilöffentlichkeit. In unserer Veranstaltung wollen wir daher mit Jugendlichen Lösungen entwickeln, wie sich Partizipation dort weiterentwickeln muss, wo sie über Jahre gewachsen ist: in Schule, Vereinen, Parteien, Jugendverbänden und in der Kirche. Wir schauen uns an, wie sich Werkzeuge des Web 2.0 am besten einsetzen lassen. Wie erreiche ich mit social media-Kampagnen eine Öffentlichkeit? Welche Werkzeuge gibt es, um mit Mitgliedern in Kontakt zu bleiben und vernetzt zu arbeiten? Welche Beteiligungssoftware kann man im Verein sinnvoll einsetzen oder welche Verbindlichkeit haben Entscheidungen, die auf einer Skype-Konferenz fallen? Ich bin gespannt, welche Antworten die Teilnehmenden finden werden.

#apb21: Wer sind die Teilnehmenden dieser Veranstaltung?
Ole Jantschek: In diesem Fall nehmen vor allem Jugendliche aus kirchlichen und nichtkirchlichen Jugendverbänden, aus Schülervertretungen und Nachwuchsorganisationen der Parteien teil.  Sie entwickeln während der Tagung mit Social Media-Beratern konkrete Projektideen, die wir danach auch in der Umsetzung begleiten. Wenn wir über Teilnehmende sprechen, gibt es aus meiner Sicht übrigens eine spannende Herausforderung. Wir haben einerseits junge Menschen, die sich mit sehr viel Zeit und Engagement in den gewachsenen Strukturen engagieren. Andererseits gibt es diese vielen Projekte, Initiativen, Gruppen, die sich spontan bilden und viel stärker das Netz und neue Aktionsformen nutzen. Manchmal sind das zwei getrennte Welten. Es lohnt sich, hier mehr Austausch herzustellen. Beide Gruppen können viel voneinander lernen.

#apb12: Eine andere Veranstaltung trägt den Titel „Teilen, Stupsen & Gefällt mir. Soziale Netzwerke in der Jugendarbeit”.  Ist das eine Art “Facebook-Nachhilfe”?
Hendrik Pistor: Es klingt vielleicht ein bisschen seltsam, aber genau das ist es. In diesem Fall aber nicht für die Jugendlichen, sondern für die Jugendmitarbeiter der evangelischen Kirche. Facebook und Co spielen in den Lebenswirklichkeiten von Jugendlichen eine große Rolle, und wenn die Mitarbeiter in der Jugendarbeit und Jugendhilfe verstehen wollen, was die Jugendlichen dort machen, was sie bewegt, wenn sie Jugendliche vielleicht auch dort erreichen, mit ihnen kommunizieren wollen, dann müssen sie sich dort auskennen, sie müssen mitten hinein. Auf dem Fachtag erfahren die Mitarbeiter erst, welche Möglichkeiten, Chancen und Stolpersteine das Netz für ihre Arbeit bietet, danach gehen wir in Workshops, in denen die Fortgeschrittenen an einer Kommunikationsstrategie für ihre Einrichtung, ihre Gemeinde in den Sozialen Netzen arbeiten, während die die Facebookeinsteiger ganz systematisch Schritt für Schritt die wichtigsten Einstellungen, Elemente und Handlungen auf Facebook kennenlernen und ausprobieren.

#apb12: … also alle Mitarbeiter zu Facebook?
Hendrik Pistor: Wir wissen natürlich, dass Soziale Networks für viele Menschen eine Herausforderung darstellen. Man kann niemanden und auch sich selbst nicht zu Facebook zwingen, oder dazu, sich für diese unglaubliche Fülle aus privaten und öffentlichen Informationen anderer Menschen und Institutionen zu interessieren und schon gar nicht, regelmäßig etwas von sich zu erzählen, egal ob das nun Freunde oder die Öffentlichkeit lesen. Wir können nur zeigen, dass man auch bei Facebook sehr viel Entscheidungsfreiheit hat, und dass man fachlich, dienstlich und nicht zuletzt auch menschlich sehr viel gewinnen kann, wenn man dabei ist.

#apb12: Noch eine Detailfrage: In der Einladung für eine Veranstaltung gibt es eine Grafik, die wie ein Barcode aussieht. Was verbirgt sich dahinter?
Hendrik Pistor: Dabei handelt es sich um einen Barcode, mit dem Nutzer direkt auf die Veranstaltungsseite auf unserer Homepage verlinkt werden. Smartphones verbreiten sich rasant. Deshalb wird der sogenannte QR-Code zu Übermittlung von Inhalten oder Links auch in der Jugendarbeit immer interessanter. Kurz mit der Kamera über den Code gescannt und schon sehe ich die Inhalte online, kann sie speichern und nachnutzen.

#apb12: Auch jenseits der Aktionstage Politische Bildung gibt es bei Ihnen einschlägige Bildungangebote …
Hendrik Pistor: Natürlich. Z.B. bereiten wir für den Januar 2013 eine mehrtägige Fachkonferenz der Evangelischen Jugend in Mitteldeutschland zum Thema Neue Medien für die kirchlichen Mitarbeiter vor, in der vom Computerspiel über e-Partizipation bis hin zu Nazis im Netz das Thema in großer Breite behandelt wird. Daneben gibt es auch kleine Workshops mit Konfirmandengruppen zum Thema Handy-Filme oder die Betreuung eines Camp-Blogs mit Jugendlichen beim nächsten Jugendcamp. Parallel arbeiten wir z.B. in Sachsen-Anhalt mit mehreren Partnern an der Idee eines jugendpolitischen Infoportals.Und für allen Aktivitäten versuchen wir auch die Beteiligunspotenziale sozialer Medien im Vorfeld zu nutzen.
Ole Jantschek:Ja, wir arbeiten an der Evangelischen Akademie in Frankfurt und in der Trägergruppe fortlaufend an diesen Themen. Dabei entstehen Ideen natürlich auch immer wieder aus den Veranstaltungen heraus. Zu “Mitmachnetz und Digitale Demokratie” gab es vorher schon zwei Tagungen in Hessen und Thürigen – das geht sicher weiter. Außerdem führt die Evangelischen Trägergruppe gerade das Netzwerkprojekt Shape the future in acht Städten und Regionen durch. Ein Schwerpunkt dabei ist es, digitale Medien zu nutzen, um mit Jugendlichen Ideen für ein Leben in der Stadt der Zukunft zu entwickeln. In Frankfurt am Main veranstalten wir in diesem Rahmen Ende Juni die Ideenwerkstatt Mach’s grün!, eine Art Hackday für Jugendliche zum Thema Nachhaltigkeit. Und ansonsten ist es ganz einfach so, dass neue Medien schrittweise Eingang in alle Veranstaltungen finden, bsp. die Nutzung von Blogs um Ergebnisse zu dokumentieren.

#apb12: Wenn Sie etwas auf den Wunschzettel der politischen Bildung schreiben dürften – was wäre das?
Hendrik Pistor: Politische Jugendbildung muss da stattfinden, wo Jugendliche sind. Soziale Netzwerke sind ein Ort, an dem adaptierte politische Bildungsveranstaltungen durchgeführt werden können. Allerdings ist leider auch die Förderlandschaft noch weit davon entfernt, intelligente Mediennutzung zu finanzieren. So erhält man weder in der Regelförderung der bpb noch des Kinder- und Jugendplans Finanzierungen für Online-Veranstaltungen oder die interaktive Planung übers Netz, obwohl dafür vermutlich sogar weniger Kosten als für Präsenzveranstaltungen entstehen würden.

Die Veranstaltungen

Mitmachnetz und Digitale Demokratie – Web 2.0 für mehr Beteiligung nutzen!
11.-13.5.2012
Kronberg im Taunus
für junge Engagierte und Multiplikatoren aus Schule, Vereinen, Parteien, Jugendverbänden
Kosten: 30,-€ (bis 27 Jahre) / 125 €

Teilen, Stupsen und Gefällt mir – Soziale Netzwerke in der Jugendarbeit.
10.4.2012 Neudietendorf bei Erfurt
für Mitarbeiter der kirchlichen Jugendarbeit in der EKM
Kosten: 10,- €

Die Veranstalter

Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Die Akteure

Ole Jantschek ist Studienleiter für Politik und gesellschaftspolitische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie Arnoldshain.

Hendrik Pistor ist Referent für gesellschaftspolitische Jugendbildung im Kinder- und Jugendpfarramt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Magdeburg.
Tobias Thiel ist Studienleiter für gesellschaftspolitische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt e.V.

 

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