Wie wir eine Revolution gemacht haben

Zeitzeugen erzählen. Foto by Oliver Weiner, nicht unter freier Lizenz.

Zeitzeugen erzählen. Foto by Oliver Weiner, nicht unter freier Lizenz.

Ein Zeitzeugencafé in Frankfurt am Main

„Irgendwann war der Mut größer als die Angst. Wie war das, als sich 1989 in der DDR tausende frustrierter Bürger auf die Straßen wagten? Als eine Gesellschaft genug hatte vom Betrug und den Lügen des Staates und der Partei?“ Mit diesen Worten warb die Evangelische Akademie Frankfurt für ihr Zeitzeugencafé „Wie wir eine Revolution gemacht haben”.

Die Zeitzeugen Ingrid Miethe und Joachim Goertz saßen mit Jugendlichen bei Kaffee und Kuchen zusammen, um Fragen zu diskutieren. Ingrid Miethe erlebte die friedliche Revolution, die in den Monaten zwischen den Kommunalwahlen 1989 und den Wahlen 1990 in der DDR stattfand. Sie engagierte sich u. a. bei der Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ und der Berliner Umweltbibliothek. Joachim Goertz war zu DDR-Zeiten in der Solidarischen Kirche aktiv und hat die Sozialdemokratische Partei in der DDR mitbegründet. Die friedliche Revolution gilt als wegbereitend für die deutsche Wiedervereinigung. Durch das Engagement vieler DDR-Bürger konnte 1989 nach Jahren erstmals nachgewiesen werden, dass die Wahlergebnisse der SED gefälscht waren. Welche Folgen das hatte, war eine von vielen Fragen, die die Jugendlichen den Zeitzeugen stellten.

Im Mittelpunkt stehen für die Veranstalterin Katharina Kunter die persönlichen Geschichten der Zeitzeugen. „Mich haben viele mutige und aufrechte Männer und Frauen beeindruckt, die sich in der DDR für Demokratie und politische Veränderungen eingesetzt haben. Oft haben sie dafür einen hohen Preis gezahlt und wurden persönlich und beruflich in der DDR diskriminiert”, sagte Kunter. „Und ich wollte gerne Zeitzeugen gewinnen, die zwar in der DDR gelebt haben, aber auch wissen, wie „der Westen tickt“ und wie es ist, hier zu leben”, sagt die Veranstalterin. So konnten interessante Gespräche zwischen den Zeitzeugen und den Jugendlichen entstehen und die Teilnehmenden die Zeitzeugen und ihre Geschichte intensiv kennenlernen. „Es ist mir wichtig zu zeigen, dass Veränderungen in der Geschichte immer auch durch die Kraft und den Einsatz einzelner Menschen geschehen – dass wir also dem politischen Gang der Dinge nicht einfach ausgeliefert sind.“ Durch das Format hatten die Cafégäste die Möglichkeit, selbst zu wählen, welche Gesichtspunkte und Themen auf den Tisch kommen. Am meisten beschäftigte die Jugendlichen das Leben und der Alltag in der DDR. „Die Unfreiheiten und der politisch-gesellschaftliche Druck, die Überwachung durch die Stasi, die Rolle der Kirche, wie sich auf einmal Ende der 1980er Jahre etwas in der politischen Stimmung änderte und die Angst verschwand – das waren die Themen“, berichtet Katharina Kunter.

Im Vorfeld der Veranstaltung gab es durchaus Zweifel, ob man die Jugendlichen für die DDR, das dortige Leben und die friedliche Revolution begeistern könne. Diese Zweifel seien aber grundlos gewesen, denn bereits nach zwei Tagen gab es über 120 Anmeldungen. „Und das liegt einerseits am Thema und andererseits am dem niedrigschwelligen Angebot, mit Menschen aus dieser fernen Zeit in geselliger Caféatmosphäre ins Gespräch zu kommen” erzählt Kunter.

Auch in Zukunft soll es in der Evangelischen Akademie Frankfurt wieder Aktionen dieser Art geben, u. a. im Herbst ein Zeitzeugencafé für Grundschulkinder. Und wer sich selber über das Thema informieren möchten, für den hat Katharina Kunter noch einen Tipp: „Prima finde ich die von der bpb unterstützte Homepage Jugendopposition in der DDR www.jugendopposition.de.”

Evangelische Akademie Frankfurt
Eschersheimer Landstraße 567, 60431 Frankfurt
Fon: 069 174 15 26-13,
Studienleitung: Dr. habil. Katharina Kunter kunter@evangelische-akademie.de


Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC BY 4.0-Lizenz (mehr dazu). Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor: Melanie Kolkmann für Aktionstage Politische Bildung 2014.