Woche der Erinnerung und Begegnung 2013 in Sachsen-Anhalt

Jugendliche und PädagogInnen treffen Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen als KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, von Deportation, Tod und Befreiung berichten.

#apb13: Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Bericht und Gedenken an die toten Freundinnen. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Bericht und Gedenken an die toten Freundinnen. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Mein Name ist Peter Wetzel und ich leite ein Mehrgenerationenhaus (MGH) im Bundesprogramm MGH des BMFSFJ. Beruflich bin ich seit 16 Jahren bei ARBEIT UND LEBEN, BV Sachsen-Anhalt beschäftigt und dort als Fachleiter für Senioren- und Intergenerative Bildung tätig.

#apb13: Bitte erzählen Sie mir etwas zu den Veranstaltungen der Woche der Erinnerung und Begegnung 2013 in Sachsen-Anhalt.
Das Seminar ist ein Kooperationsprodukt aktiver Partner. Neben meinem Kollegen Jan Skrzypkowski (Historiker) sind das Frau Dr. Tatjana Kononygina aus Russland (Pädagogin) und Frau Anelija Kowalska aus der Ukraine. Wir kooperieren in Projekten, die von der Stiftung EVZ – Erinnerung, Verantwortung, Zukunft – gefördert werden.

Traditionell und nun schon zum 5. Mal findet in unserer Stadt die Woche der Erinnerung und Begegnung statt. Jugendliche und Zeitzeugen aus fünf Ländern trafen sich zum zeitgeschichtlichen Dialog im Saalekreis. ARBEIT UND LEBEN Sachsen-Anhalt, die Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V. und weitere Partner hatten zu Gesprächen, Gedenkaktionen und zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Unsere an geschichtlichen Traditionen und Erinnerungsorten reiche Region war Entdeckungsraum für Jugendliche, Pädagogen und Zeitzeugen aus Polen, den Niederlanden, Russland und der Ukraine.

Fünf Zeitzeugen stellten sich in verschiedenen Schulen den Schülern zum Gespräch. Ehemalige KZ-Häftlinge aus Auschwitz, Bergen-Belsen und Mauthausen sowie Zwangsarbeiter in Dresden, Aue und Schneeberg berichteten von Ihren Erlebnissen der Deportation, Zwangsarbeit und den Gefühlen der Befreiung im April 1945.

#apb13: Der Name der Veranstaltung lässt darauf schließen, dass es sich um eine fortlaufende bzw. wiederkehrende Veranstaltung handelt. Ist das richtig?

Erinnerungsbesuch in Bergen-Belsen (Frau Gulei). © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Erinnerungsbesuch in Bergen-Belsen (Frau Gulei). © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Diese Woche der Erinnerung und Begegnung ist die 5., also eine kleine Jubiläumsveranstaltung. Im Mai 2009 wurde das Format erstmalig durchgeführt.
Das Format setzte eigentlich den Seminaraustausch mit Partnern in Osteuropa und den Niederlanden fort und erhielt mit dem Format eine neue Qualität. Sowohl der Zeitrahmen (7 Tage) als auch der intergenerative Ansatz veränderten die Qualität unserer Arbeit. Die Begegnung von Zeitzeugen, jungen Menschen und Pädagogen ist eine Tradition. Wir haben den Monat Mai gewählt, da es mit einem Treffen an der ehemaligen Lagerstätte des Arbeits- und Erziehungslagers Zöschen verbunden ist. Zeitzeugen aus Polen, den Niederlanden, Russland und der Ukraine nehmen daran teil. Sie kommen aus unterschiedlichen KZ und Zwangsarbeitsorten, aber eben auch aus Zöschen. Wir verbinden damit den lokalen Raum mit dem Erinnerungsraum Europa.

#apb13: Sie veranstalten das Seminar zusammen mit dem Mehrgenerationenhaus Merseburg. Wie kam es zu dieser Kooperation?
Das MGH Merseburg ist die Infrastruktur, in der sich die Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V. befindet. Dieser Verein kooperiert mit Arbeit und Leben und das Konzept der Woche der Erinnerung und Begegnung ist ein gemeinsam entwickeltes und realisiertes Projekt. Damit ist das MGH einer der Seminarorte im Programm. Logistisch sind hier auch Versorgung und Programmgestaltung angesiedelt. Das MGH Merseburg ist ein Mehrgenerationenhaus mit einem starken Bildungszuschnitt. Das unterscheidet uns von anderen Mehrgenerationenhäusern. Der Grund liegt in der traditionellen Kooperation von Arbeit und Leben mit den anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen.

#apb13: In dem Ankündigungstext schreiben Sie über die verschiedenen Akteure der Veranstaltung. Können Sie uns etwas zu diesen Akteuren erzählen?
Die genannten Akteure gehen über Arbeit und Leben und das Mehrgenerationenhaus hinaus. Akteure sind in unserem Verständnis vor allem die eingebundenen Partner insgesamt. Zu ihnen gehören die internationalen Partner (Gymnasium Jaraczewo in Polen, die Schulen unserer Region, Gesellschaft Znanie Orel aus Russland, Stiftung Erinnerung mit dem Herzen aus der Ukraine, der Heimat- und Geschichtsverein Zöschen, die Stiftung Razzia Beverwijk aus den Niederlanden, Gemeindeverwaltungen und die Zeitzeugen. Die Akteure von Arbeit und Leben sind für die Förderung/Seminarmoderation/Organisation/PR/Dokumentation verantwortlich.

#apb13: In welcher Art und Weise haben diese Akteure zu der Veranstaltung beigetragen?
Eingebunden sind die Akteure in die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung des Seminars. Von der Programmplanung, über die Teilnehmergewinnung (nationale Gruppen) bis zur Programmumsetzung (z.B. Sprachmittlung) sind alle speziell eingebunden. Die unterschiedlichen Rollen beruhen auf Erfahrungen der letzten Jahre und werden jährlich konkretisiert. Materialien und Dokumente zur Visualisierung der Seminarteile kommen auch von den internationalen Partnern.

#apb13: Bitte erzählen Sie uns, was genau bei dem Seminar stattgefunden hat.

Seminargruppe im MGH Merseburg. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Seminargruppe im MGH Merseburg. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Die Seminartage bestanden aus wechselnden Veranstaltungsformaten und damit verbunden unterschiedlichen Lernorten. Auch der Personenkreis, der in der Woche der Erinnerung und Begegnung 2013 einbezogenen wurde, war z.T. wechselnd. Damit verbunden war das Ziel, die Zeitzeugen mit einer größeren Gruppen von Jugendlichen und Pädagogen in Kontakt zu bringen. Das entspricht der Aufgabe unserer Organisation und der Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V.. Wir haben unterrichtsergänzend unserer Arbeit das Motto „Jugend lernt Geschichte anders“ gegeben. Wir zielen damit auf das emotionale und entdeckende Element in unserer Arbeit ab.

#apb13: Wo genau waren Sie auf ‘Spurensuche’?
Die Spurensuche war zum Teil mit den Zeitzeugen der Woche verbunden. Frau Gulei (Bergen-Belsen) und Herr Bukhantzcev (Dresden) besuchten die Orte der Inhaftierung bzw. Zwangsarbeit. In der Region selbst (Saalekreis) gingen die Seminarteilnehmer_innen gemeinsam auf Spurensuche über die Gedenkorte, die zu unserer Topografie der Gedenkortarbeit gehören und genutzt wurden. Dazu gehörten:

  • Stele Sinti und Roma in Merseburg
  • Stolpersteine in Merseburg
  • Gedenkorte Außenlager vom AEL Zöschen in Neukieritzsch, Obhausen, Schafstädt
  • AEL Zöschen
  • Gedenkstätte Bergen-Belsen


#apb13: In der Ankündigung steht, dass Sie sich der Frage auseinandergesetzt haben, was die Deutschen damals gewusst haben. Erzählen Sie uns doch bitte, von Fragen die in diesem Zusammenhang erörtert wurden und an welchem Punkt es zu intensiveren Diskussionen kam.

Frau Anastasia Gulei - Häftling Auschwitz - 61369. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Frau Anastasia Gulei – Häftling Auschwitz – 61369. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Diese Frage ist in der Begegnung mit deutschen Teilnehmer_innen immer wieder ein spannender Aspekt – eine wichtige Fragestellung. Teilnehmenden deutschen Zeitzeugen wird diese Frage immer direkt gestellt. Abhängig vom Alter und dem damaligen Wirkungsbereich (Schule, Familie, BDM, HJ oder Militär) werden diese Fragen diskutiert. Mit Hinweisen auf eingeschränkten Blickwinkel, Angst oder Alter der gefragten Person wurde jedoch deutlich, dass die NS-Repression sich überall vor der Haustür der Deutschen abgespielt hat und man davon wusste. Die Fragen waren dann auch auf die Region bezogen: „Wussten Sie von den Häftlingen im AEL in Spergau und dann in Zöschen?“, „Haben Sie Häftlinge gesehen?“, „Was wurde in der Familie besprochen – z.B. Zwangsarbeiter?“ und „Haben Sie in den Dörfern bei den Bauern diese Zwangsarbeiter gesehen?“.
Besondere Diskussionen entwickelten sich im Hinblick auf die durchgehende Repression im NS-Staat. Unter diesem Aspekt wurde das repressive System auch von den russischen Zeitzeugen für die damalige Sowjetunion als ähnlich dargestellt. Wissen ja, wegsehen, nicht handeln – das war die Überlebensdevise. Ein Flakhelfer (Herr Ulrich) berichtete davon, dass zur Unterstützung der Flakgruppierungen russische Kriegsgefangene in den Stellungen arbeiten mussten. Er stellte dar, dass diese Männer nichts mit den “Untermenschen“ gleich hätten, als die man diese Kriegsgefangenen in der Ausbildung bezeichnet hatte.

#apb13: Gab es bestimmte Themen, die für die Jugendlichen besonders interessant waren oder bei denen diese speziell nachgehakt haben?

Lokale Erinnerungsaktion. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Lokale Erinnerungsaktion. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Interessante neue Themen waren Rechtsextremismus heute und das in unseren Ländern. An Beispielen aus unserer Region stellten wir dar, welche informellen Strukturen (Bündnis gegen RECHTS Merseburg) oder Aktionsformen es dazu gibt und die von uns unterstützt werden. In der Diskussion ging es um die Bundeskampagne Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (SOR-SMC). Hier konnten wir von unseren Erfahrungen als Servicestelle SOR-SMC im Saalekreis berichten und ich persönlich aus meiner Arbeit als SOR-SMC-Pate im Burg-Gymnasium-Wettin. Die Seminarteilnehmer des Gymnasium Jaraczewo (Polen) interessierten sich praktisch für das Titelmodell auch für ihre eigene Schule. Dazu gab es durch mich dann eine Kontaktaufnahme zur Bundeskoordination zur Nachfrage.

#apb13: Sollte es solche Nachfragen gegeben haben, war es für Sie vielleicht überraschend, dass gerade dieser Punkt die Jugendlichen besonders interessiert hat?
Überrascht nicht, aber besonders gefreut, da hier der erinnerungspädagogische Ansatz direkt in Handeln der Akteure in Hinsicht Toleranz, Demokratie, Zivilgesellschaft und Europa abzuzielen scheint. Das Thema soll erörtert bleiben.

Karte EW 13. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Karte EW 13. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

#apb13: Sie haben auch mit Zeitzeugen gesprochen. Mögen Sie uns etwas über diese erzählen?
Auf der Plakatkarte sehen Sie einen Teil der Zeitzeugen, die uns in dieser Seminarwoche besucht hatten. Andere Bilder sind von Zeitzeugen, die in den vorangegangenen Jahren unsere Gäste waren. Die Kontakte sind übrigens nie abgerissen (nur durch den Tod der Person). Die Zeitzeugen kamen aus unterschiedlichen Opfergruppen – KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Kinder von Zwangsarbeitsfamilien (so genannte minderjährige Häftlingen in deutschen Lagern). Frau Gulei (Zwangsarbeit, Flucht, KZ Auschwitz, Transport KZ Buchenwald, KZ Bergen-Belsen, Befreiung), Herr Lomaka (Zwangsarbeit, Flucht, KZ Auschwitz, KZ Maushausen, KZ Linz, Befreiung). Herr Korownikow (Zwangsarbeit als 14 Jähriger mit der Mutter in der Rolandmühle Bremen). Herr Bukhantzcev (Zwangsarbeit in einem KZ-ähnlichen Lager in Dresden) er berichtete u.a. sehr anschaulich von der persönlich erlebten Zerstörung Dresdens durch die Alliierten.

#apb13: Es wird in absehbarer Zeit ein Punkt kommen, an dem wir keine Zeitzeugen mehr befragen können. Wie kann man trotzdem weiterhin Zeitgeschichte anschaulich gestalten?
Wir unterstützen die Archivierung von Zeitzeugenwissen durch Film- und Tonaufnahmen. Wir haben selbst mit diesem Medium gearbeitet. Dazu nutzen wir dann die Archive der unterschiedlichen Partner (EVZ, Holocaust-Foundation, www.zwangsarbeit.de, www.Kontakte-kontakty.de und andere). Wir haben als Ergebnis von Seminaren und Workshops Broschüren mit Zeitzeugenberichten erstellt, diese in einer (digitalen) Bibliothek archiviert und als Druckerzeugnis Schulen in Klassensätzen zur Verfügung gestellt. Alle Medien ersetzen dennoch den endlichen Kontakt zu Zeitzeugen leider nicht.

#apb13: Inwieweit kann man generell Jugendlichen die Zeit des Nationalsozialismus anschaulich nahe bringen?
Zeitgeschichte, wie die des NS-Systems, lebt nach unserer Erfahrung von der Praxis, der Emotionalität, der Regionalität und der Anschaulichkeit. Darüber hinaus soll es ein Lernformat sein, welches die Schüler auf Spurensuche und Entdeckung schickt. Wir haben in den Projekttagen/-wochen, die wir für Jugendlichen gestalten, auf einen abwechslungsreichen
Prozess gesetzt.

Vermächtnis und Mahnung in Bergen-Belsen - Schüler Burg-Gymnasium Wettin. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

Vermächtnis und Mahnung in Bergen-Belsen – Schüler Burg-Gymnasium Wettin. © BAK Arbeit und Leben Sachsen Anhalt

#apb13: Was erhoffen Sie persönlich sich, was die Teilnehmer/innen aus dem Seminar mitgenommen haben?
Ich würde mir wünschen, dass die Teilnehmenden Kontakte zu anderen Interessierten knüpfen konnten. Außerdem denke ich, dass sie glaubwürdige Informationen durch die Zeitzeugengespräche erhalten haben. Sie konnten erleben, dass Geschichte viel interessanter und reicher aber auch herausfordernder ist, als der Stoff zu diesem Bereich im Schulbuch. Im Gespräch während der Workshops, haben wir das Volumen an Unterrichtsstunden abgefragt und ein massives Defizit festgestellt. Die meisten Unterrichtsstunden zu diesem Thema hatten unsere polnischen Partner, gefolgt von der deutschen Schule. Ukraine und Russland haben eine noch sehr geringere Stundenzahl. Wir hoffen, dass der Impuls gegeben werden konnte, dass Zeitgeschichte überall anzutreffen ist und man sie selbst entdecken kann.

#apb13: Vielen Dank für das Gespräch Herr Wetzel!

Die Veranstaltung
Woche der Erinnerung und Begegnung 2013 in Sachsen-Anhalt

Der Akteur
Peter Wetzel, M.A. Erwachsenbildung/Medien – an der Otto-von-Guericke-Uni 2008. Leiter eines Mehrgenerationenhaus im Bundesprogramm MGH des BMFSFJ. Seit 16 Jahren Mitarbeiter bei ARBEIT UND LEBEN, BV Sachsen-Anhalt und dort als Fachleiter für Senioren- und Intergenerative Bildung tätig.

Der Veranstalter
BAK Arbeit und Leben
Roßmarkt 2
06217 Merseburg
Deutschland
Sachsen-Anhalt