Zwanzigjähriges Jubiläum des Projektes Langzeitwirkungen des Nationalsozialismus – eine Reihe des Internationalen Haus Sonnenberg e.V.

Die Entstehung des Internationalen Haus Sonnenberg e.V. verdanken wir einigen Reformpädagogen, welche direkt nach dem Zweiten Weltkrieg dort ansetzten, wo sie 1931 aufzuhören gezwungen waren.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg beschäftigten sich einige deutsche Lehrer mit der skandinavischen Reformpädagogik, die unter anderem auf den Pädagogen Nikolai Frederik Severin Grundtvig zurückgeht. Dieser erhob bereits Ende des 19. Jahrhunderts das lebendige Wort zwischen Lehrer und Schüler zum Grundsatz seiner pädagogischen Lehre. Dozenten sollten durch die Fragen der Schüler lernen, welches Wissen vermittelt werden sollte.

Von dieser Reformpädagogik wollte man jedoch nichts mehr wissen, als im Jahre 1931 in Braunschweig ein nationalsozialistischer Kultusminister installiert wurde. Viele der Lehrer sahen keine andere Wahl, als von Deutschland nach Skandinavien zu flüchten.
Nach Ende des Krieges trafen sich jedoch viele dieser Lehrer zur ersten deutsch-dänischen Erziehertagung. Diese fand im Jahre 1949 im Schullandheim Sonnenberg im Oberharz unter der Leitung des späteren Gründers des Internationalen Haus Sonnenberg, Walter Schulze, statt. Bei diesem Treffen ging es um die Frage, wie Schule und Pädagogik dazu beitragen können, Krieg und Faschismus zukünftig zu verhindern. Es folgten weitere Treffen, so auch die erste Internationale Erziehertagung im Jahr 1950.  Nur zwei Jahre später wird in St. Andreasberg in Niedersachsen eine Barracke errichtet, in welcher Veranstaltungen unter dem neuen Namen Internationaler Arbeitskreis Sonnenberg stattfinden. Im Jahr 1953 wird dann das Internationale Haus Sonnenberg eingeweiht, welches sich bis heute an seinem ursprünglichen Standort befindet.

Viel hat sich seit dem Bau einer Baracke auf einer Kälberwiese im Jahr 1952 verändert. Die Einrichtung wurde weiter ausgebaut, es erfolgten u.a. der Bau eines Jugendhauses, ein Speisesaal und ein komplett behindertengerecht eingerichteter Trakt.
Die Anlage verfügt heute über 180 Betten.

Soviel zur Geschichte des Hauses. Aber was passierthier und was macht die Internationalität des Hauses aus? Hierzu haben wir mit dem Pädagogischen Leiter,
Lutz Heinke, gesprochen.

Teilnehmer vor Haus E. Foto: CC-by-nc-nd - by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Teilnehmer vor Haus E. Foto: CC-by-nc-nd – by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

#apb13: Herr Heinke, die Geschichte Ihrer Einrichtung ist sehr spannend und erklärt auch den internationalen Kontext. Ist der Namenszusatz Internationales Haus Sonnenberg rein geschichtlich begründet?  

Heinke: Von Anfang an und bis heute ist die Internationalität wichtigstes Kennzeichen unserer Einrichtung. In drei der Tagungsräume befinden sich Anlagen zur Simultandolmetschung. Der möglichst direkte Austausch zwischen Einzelpersonen und Gruppen aus verschiedenen Ländern und mit authentischen Referenten und Fachleuten ist typisch für die Arbeit des Hauses, in dem freie Meinungsäußerung von großer Bedeutung ist. Getreu den Leitsätzen: Miteinander sprechen, Vorurteile abbauen, sich verständigen, verantwortlich handeln.

#apb13: Und was genau ist heute das ‚Internationale‘ bei Ihrer Arbeit im Haus Sonnenberg?

Heinke: Internationale politische Bildung ist eines der wesentlichen Elemente unserer Arbeit. Gegenstand der politischen Bildung sind unserer Ansicht nach alle Inhalte, die für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft von Bedeutung sind. Das sind natürlich Krieg und Frieden, Faschismus und Rechtsradikalismus,  Demokratie und Partizipation, Europäische Union und Migration sowie vieles mehr. Dazu gehören aber auch Themen wie Ökologie – was fast selbstverständlich ist, da das Haus im Nationalpark Harz in wunderschöner Umgebung liegt – sowie Gender, persönliche Kompetenzentwicklung und Globalisierung. Also ein ganz breites Angebot, das sich aber natürlich auch in vielen Seminaren an deutschsprachige Teilnehmende richtet.

#apb13: Aber es geht in Ihrem Haus auch um die Arbeit mit ausländischen Teilnehmer/innen, oder?

Lutz Heinke rechts mit Referent Wilhelm Torkel LZW Musik 2011. Foto: CC-by-nc-nd - by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Lutz Heinke rechts mit Referent Wilhelm Torkel LZW Musik 2011. Foto: CC-by-nc-nd – by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Heinke: Ja, in Veranstaltungen zur deutschen Landeskunde mit ausländischen Studierenden oder Lehrenden der deutschen Sprache geht es um die Situation im heutigen Deutschland.
Dazu kommen Veranstaltungen, die wir in Kooperation mit anderen Institutionen durchführen und Gastbelegungen, also Gruppen, die lediglich die Infrastruktur des Hauses nutzen – und die gute Atmosphäre, für die das Haus geschätzt wird.

#apb13: Wie wird denn in Ihrer Einrichtung über die angebotenen Veranstaltungen entschieden?

Heinke: Es gibt einen Zusammenschluss der ausländischen Freundeskreise in der International Sonnenberg Association ISA, in der die Sonnenberggruppen im Ausland zu einem Verein zusammengeschlossen sind. Dies sind aktive Gruppen in ca. zehn Ländern, darunter Großbritannien, Niederlande, Dänemark, Israel, Rumänien und Tschechien. Von ihnen kommen manche Anregungen und Vorschläge. Natürlich beobachten wir Pädagogen/innen auch die deutsche und europäische Situation und entwickeln daraus Themen. Schließlich und nicht zu vergessen: politische Bildungsarbeit, internationale allzumal, kann nicht ohne Förderungen durchgeführt werden – wie von der BpB, der  EU und verschiedenen Stiftungen – und deren Förderangebote gehen auch in die Überlegungen ein, ebenso wie die des Vorstandes.
Entscheidungen, die versuchen alle Aspekte der Realisierbarkeit, Aktualität und Finanzierbarkeit einzubeziehen werden schließlich in wesentlichen im Kreis der Pädagogen/innen getroffen.

#apb13: Gibt es Ihrer Meinung nach eine Möglichkeit auch bildungsfernere Schichten für politische Bildungsarbeit zu interessieren?

Heinke: Wenn Menschen selbst etwas davon haben, Politik zu verstehen, ist auch das Interesse da. Wenn sie den Eindruck haben, sie können etwas beeinflussen. Leider tut Politik sehr viel dafür, so zu agieren und sich so auszudrücken, dass dieses Interesse erlahmt. Dass viele Menschen Politik nicht ‚begreifen’ hängt auch damit zusammen, dass die Begriffe, mit denen Politik operiert nicht zum ‚begreifen’, im Sinne von ‚verstehen’, gemacht sind. Wir arbeiten sowohl in der Politik als auch in der Bildung oft im Wesentlichen mit Fakten, Zahlen, Quantifizierungen, Erfolgsziffern aber zu wenig mit Zusammenhängen. Bildungsfern ist insofern relativ.

Abschluss mit Zertifikaten Landeskunde Seminar mit russischen Studenten 2012 mit Seminarleiter Lutz Heinke sitzend 2012. Foto: CC-by-nc-nd - by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Abschluss mit Zertifikaten Landeskunde Seminar mit russischen Studenten 2012 mit Seminarleiter Lutz Heinke sitzend 2012. Foto: CC-by-nc-nd – by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

#apb13: Oft hört man davon, dass angeblich gerade Jugendliche sich immer weniger für Politik interessieren. Ist dies Ihrer Meinung nach tatsächlich der Fall?

Heinke: Ich kann an das gerade Gesagte anknüpfen: Bildung, insbesondere politische Bildung ist ein ständiger Prozess. “Demokratie als Lebensform” ist der Untertitel von Oskar Negts, nicht nur in diesem Zusammenhang, sehr lesenswerten Buch “Der politische Mensch”. Warum fokussiert die Frage – im Einklang mit den aktuellen Trends – auf Jugendliche und junge Erwachsene? Sind die anderen, älteren Menschen in unserer Gesellschaft wirklich mehr an Politik interessiert, weniger ‚politikverdrossen‘?
Ja, Politik und politische Bildung steht in Zeiten präkerer Arbeitsverhältnisse und unsicherer Zukunfts- und persönlicher Lebensentwürfe nicht im Mittelpunkt des Interesses der Menschen.

#apb13: Kennen Sie eine Geheimrezept dieser ‚Politikverdrossenheit’ entgegenzuwirken?

Heinke: Hier möchte ich noch einmal Oskar Negt zitieren: “Politische Bildung, wie ich sie verstehe, ist kein arbeitsteilig abgespaltener Sonderbereich der gesellschaftlichen Wirklichkeit, sondern, da das Politische ja auf die innere Konstitution des gesellschaftlichen Ganzen gerichtet ist, unabdingbar mit der Herstellung von Zusammenhang verknüpft.” Ich blicke auf meine über dreißig Jahre Arbeit in der politischen Bildungsarbeit zurück  und stelle fest: Allen Beteuerungen der Politik zum Trotz sind die Mittel für politische Bildung in den letzten Jahren und Jahrzehnten ständig gekürzt worden.
Ein Ereignis wie die Aufdeckung der Verbrechen und Morde des NSU schreckt die Politik auf und – dem Reiz-Reaktions-Schemas folgend – werden mit einem Mal große Summen Geldes für bestimmte Bereiche der politischen Bildung eingesetzt. Im Prinzip kaum etwas dagegen zu sagen, aber kontinuierliche, politische, auf Demokratieentwicklung ausgerichtete Bildungsarbeit ist das nicht.

Ein Langzeitprojekt gegen Rechtsextremismus 

Wie kontinuierliche Bildungsarbeit aussehen kann, zeigt das Internationale Haus Sonnenberg mit seiner Veranstaltungsreihe zum Thema Faschismus und Rechtsextremismus. Bereits 1992 fand die Veranstaltung Es ist gut vierzig Jahre her statt, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus und dessen Folgen beschäftigte. Seit 1993 wird diese Auseinandersetzung unter dem Oberthema Langzeitwirkungen des Nationalsozialismus beständig weitergeführt und in diesem Rahmen jedes Jahr ein neuer Schwerpunkt behandelt. Diese Veranstaltungsreihe feiert somit dieses Jahr ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Wir gratulieren!

LZW Rechtsradikalismus - Exkursion zur Ausstellung Rechtsradikalismus 2012. Foto: CC-by-nc-nd - by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

LZW Rechtsradikalismus – Exkursion zur Ausstellung Rechtsradikalismus 2012. Foto: CC-by-nc-nd – by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Die Themenschwerpunkte reichen dabei von Justiz und Kirche über Erziehung, Sport und Musik bis hin zu den Geschlechterverhältnissen. Dabei sind immer alle Veranstaltungen offen ausgeschrieben und als Bildungsurlaub anerkannt. Und auch hier wird auf internationaler Ebene gearbeitet: Zu den Teilnehmenden gehörten bereits Briten, Dänen und Russen. Die Veranstaltungen dieser Reihe konnten durch ihre Vielfalt bereits einige Stammteilnehmer/innen gewinnen, sind aber selbstverständlich weiterhin offen für neue Interessierte. Schon aus rein ökonomischer Sicht ist es für die Reihe Langzeitwirkungen des Nationalsozialismus wichtig, dass sich diese Gruppe von immer wiederkehrenden Besuchern etabliert konnte. Zudem tragen diese Teilnehmenden durch ihr Wissen aus bisherigen Seminaren und die gewonnene Arbeitsroutine dazu bei, dass schwerpunktübergreifende Arbeit möglich wird. Weitere Vorteile der kontinuierlichen Arbeit zu dem Thema sind unter anderem die Möglichkeit, die Veranstaltungsform ständig weiterzuentwickeln. Feste Elemente wie Exkursionen zu Gedenkstätten werden kombiniert mit aktuellen Ereignissen und neuesten Forschungsergebnissen. So wird diesen Herbst das Seminar Nationalsozialismus und Propaganda veranstaltet. Geschichtlich befasst sich das fünftägige Seminar bereits mit der Zeit vor 1933 – an welche Trends oder Strömungen konnten die Nationalsozialisten anknüpfen? – und geht dann der Frage nach, wie man sich mit der NS-Zeit nach Kriegsende auseinandergesetzt hat. Welche Personen und Institutionen blieben weiterhin wichtig? Ganz aktuell wird es dann um Informationen und Diskussionen zum NSU-Prozess gehen. Die Exkursion, als fester Bestandteile der Veranstaltungsreihe, geht dabei in diesem Jahr nach Bergen-Belsen. Das Seminar wird geleitet von Herrn Heinke und einer Assistenz. Jedoch werden auch weitere Referenten zu den verschiedenen Themen zu Wort kommen. Heinke lacht:“Damit die Leute nicht immer nur mein Gesicht sehen und das meiner Tagungsassistentin.” In dem Seminar wird es neben theoretischem Input immer auch Quellenmaterial geben an dem gearbeitet wird. Beim Thema Propaganda bieten sich als solches selbstverständlich Radiobeiträge, Filme, die Wochenschau und Zeitungen an.


#apb13: Was erhoffen Sie persönlich sich, was die Teilnehmer/innen aus dem Seminar mitnehmen werden?

Heinke: Aus der Geschichte lernen im besten Sinne, das ist das Ziel. Zu verstehen, dass Geschichte nicht – und damit auch nicht die aktuelle Situation – vom Himmel fällt. Es gibt Entwicklungslinien. Und Politiker ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören, was sie sagen und wie sie es sagen; schließlich: eine eigene Meinung bilden und gegenwärtige Entwicklungen einschätzen.

Am Breiten rechten Rand der Mitte - Rechtsradikalismus in Europa 2011. Foto: CC-by-nc-nd - by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Am Breiten rechten Rand der Mitte – Rechtsradikalismus in Europa 2011. Foto: CC-by-nc-nd – by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

#apb13: Als abschließende Frage würden wir gerne wissen, ob es ein ‚Wunschprojekt’ oder ‚Wunschseminar’ gibt, das Sie gerne einmal durchführen würden, zu dem Sie aber bisher nicht die Gelegenheit bzw. die Mittel hatten?

Heinke: Ich würde gerne eine Serie internationaler Tagungen in verschiedenen Ländern der EU machen und mit den Menschen darüber sprechen, was sie sich von der EU erwarten. Ich würde gerne auch vermitteln, wie unglaublich dieses Projekt EU ist, das es geschafft hat, Dinge friedlich zu lösen, für die wir früher mit Verve reale und Handelskriege geführt haben: Abschaffung von Grenzen, Abschaffung nationaler Grenzen etc. Das Projekt EU ist viel zu schade, um es für regionale und nationale Interessen zu opfern. Und wie notwendig es ist, dass wir Bürger uns einmischen. Die EU darf nicht in erster Linie als eine Finanzunion gedacht werden, es geht um das Zusammenleben der Menschen, soziale Gerechtigkeit, letztendlich geht es um Frieden.

#apb13: Vielen Dank Herr Heinke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um über Ihre Einrichtung zu berichten.

Die Veranstaltung
Langzeitwirkungen des Nationalsozialismus

Lutz Heinke im Seminar 2012. Foto: CC-by-nc-nd - by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Lutz Heinke im Seminar 2012. Foto: CC-by-nc-nd – by Internationales Haus Sonnenberg e.V.

Der Veranstalter
Internationales Haus Sonnenberg e.V.
Clausthaler Straße 11
37444 St. Andreasberg
Deutschland
Niedersachsen
www.sonnenberg-international.de/

Der Akteur
Lutz Heinke
Pädagogischer Leiter
Tel. 05582/944 0
E-Mail: info@sonnenberg-international.de