„Allein schon das Gespräch mit Politikern ist eine sehr aktive Form von Politik“

Benedikt Widmaier, Direktor des Haus am Maiberg, über manchmal unterschätzte Formen der politischen Bildung

Haus Maiberg„Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit dem direkten Dialog zwischen Jugend und Politik“, sagt Benedikt Widmaier, der Direktor des Haus am Maiberg in Heppenheim. „Davon müsste es mehr geben, auf allen Ebenen der Politik, von Europa bis zur Kommune.“ Das klingt beim ersten Hören logisch und selbstverständlich, doch scheint es nicht so einfach zu sein. „Da gibt es viele Berührungsängste, auch von Pädagogenseite. Ein weiteres Problem sind die Zeitbudgets der Politiker.“ „Mehr“ machen möchte Widmaier genauso wie viele seiner Kollegen: mehr politische Reflexion sozialen Engagements, mehr Zusammenarbeit der Generationen in der politischen Bildung und eben mehr direkten Dialog zwischen Jugend und Politik. Ziel ist auch hier die Umsetzung der manchmal abstrakt klingenden Ziele in die praktische Arbeit der politischen Bildung mit den unterschiedlichen Formen, die einer Akademie mit Tagungshaus zur Verfügung stehen: Beim Haus am Maiberg sind das klassische Akademieformate mit mehrtägigen Veranstaltungen und zusätzlich der Bereich der kommunalen Bildungsarbeit, in der mit eigenen Gruppen und Kooperationspartnern in der Region gearbeitet wird.

Intergenerationelles Lernen

„Generationen-webpod“ heißt eine mittlerweile abgeschlossene, erfolgreiche Veranstaltungsreihe im Bereich des intergenerationellen Lernens, in der Podcasts erstellt wurden. Diese Reihe gehört zur kommunalen Bildungsarbeit und verband einen „stabilen Kreis von Senioren“ mit Kooperationspartnern in der Jugendarbeit dergestalt, dass in generationengemischten 4er-Gruppen an mehreren Nachmittagen gemeinsam Sendungen produziert wurden. „Unser klassisches Medium ist das Radio“, sagt Widmaier, „aber die Ergebnisse werden heute selbstverständlich im Internet veröffentlicht, wenn das zum Seminarkonzept gehört.“ Insgesamt mache diese Mischung aus Jugend- und Erwachsenenbildung ein Stück des Besonderen des Haus am Maiberg aus. „Jugendgruppen und Erwachsenengruppen können hier gemeinsam, aber auch getrennt arbeiten, wir haben hier zwei Tagungsbereiche“, erklärt Widmaier. „Im Freizeitbereich mit der informellen Kommunikationsatmosphäre kommt es zu gutem und interessantem Austausch.“ Um ein weitgehend reibungsfreies Zusammentagen von Jugend- und Erwachsenengruppen werden ihn sicher manche Bildungsstätten mit weniger günstigen baulichen Voraussetzungen beneiden, sind doch die Störungen der einen durch die anderen oft eine Herausforderung in der alltäglichen Arbeit.

Europapolitische Arbeit

Im Sommer gehört die Akademie regelmäßig für zwei Wochen den Jugendlichen und jungen Erwachsenen allein, die praktisch Europapolitik gestalten wollen und deswegen aus acht verschiedenen Ländern nach Heppenheim kommen. Der Bereich der Europapolitik ist nicht nur in der internationalen Jugendarbeit sehr präsent im Haus am Maiberg, sondern auch in vielen andern Formaten – und zwar schon seit den 1990er Jahren, als noch ganz andere Themen unter europäischem Blickwinkel erörtert wurden als heute. „Jugendliche interessieren sich dann für Europa, wenn sie direkten Kontakt mit Politik haben“, ist Widmaier überzeugt. „Ein direkter Austausch – ob in der Bildungsstätte oder bei einem Besuch im Europäischen Parlament – ist schon eine sehr aktive Form von Politik, von der beide Seiten profitieren.“ Er wünscht sich mehr von diesem direkten Austausch zwischen Teilnehmern und Politikern. „Es herrscht ja immer noch das Bild des irgendwo in der Ferne agierenden Politikers vor, der mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat“, beschreibt Widmaier. Europaskepsis oder allgemein Politikferne könne man mit Mitteln der politischen Bildung gerade heute erfolgreich begegnen.

Sozialpraktikum und Politik

Die mittlerweile vielen Sozialpraktika an Schulen, das Etwas-Gutes-Tun für die Gesellschaft haben eine starke politische Dimension – so sieht man es im Haus am Maiberg und versucht, in einem eigenen Modellprojekt diese Verbindung sichtbar zu machen. „Die politische Reflexion des sozialen Engagements gibt es eigentlich gar nicht“, stellt Widmaier fest und hat damit nicht nur einen Bereich, in dem er gerne „mehr“ machen möchte, sondern einen, der aus seiner Sicht wirklich brach liegt. In Zusammenarbeit mit den Schulen bereiten die Schülerinnen und Schüler ihre Erfahrungen im sozialen Engagement vor und nach. Das dreijährige Modellprojekt unter wissenschaftlicher Begleitung heißt „Soziale Praxis & Politische Bildung – Compassion & Service Learning politisch denken“ und soll das Bedürfnis, Hilfe zu geben, verbinden mit der Frage nach sich daraus ergebenden politischen Themen. So setzt die soziale Praxis an der unmittelbaren Hilfeleistung an und die Demokratiepädagogik fragt nach Ursachen und Lösungsmöglichkeiten, die über das unmittelbare Engagement hinausgehen. Auch dieses Projekt im Haus am Maiberg zielt darauf ab, die Interventionsansätze für die politische Bildung Jugendlicher zu vergrößern.

Politische Bildung unter dem Dach der Kirche

Bei einer Bildungsstätte, deren Träger eine Diözese ist, liegt die Frage nach der Einflussnahme nahe. „Politisch sind wir viel freier als manch andere Einrichtungen, die politisch gebunden sind“, ist sich Widmaier sicher. „Wir sind völlig frei in der Gestaltung unserer inhaltlichen Arbeit.“

Der Veranstalter
Haus am Maiberg
Ernst-Ludwig-Straße 19
64646 Heppenheim
Deutschland
Tel. 06252 9306-0
info@haus-am-maiberg.de

Die Veranstaltungen
Sozialpraktikum politisch denken
Service Learning politisch denken

Der Akteur
Benedikt Widmaier, Direktor des Haus am Maiberg

Foto: CC-BY-SA 3.0 Marco Mayer