Tagebuch eines Bildungsurlaubers

Bericht eines Teilnehmers vom Seminar „Vom ‚Kohlenpott‘ zur Europäischen Kulturhauptstadt“.

Wie hat sich das Ruhrgebiet in den letzten Jahren verändert? Neben verbesserten Umwelt-, Verkehrs- und Wohnverhältnissen sollen auch neue Konsum- und Freizeitangebote, das industriekulturelle Erbe und zuletzt die Ernennung zur „Europäischen Kulturhauptsstadt 2010“ das Ruhrgebiet (nicht nur) für Investoren attraktiv machen.

Gasometer CC-BY-Karlheinz Grieger

Gasometer CC-BY-Karlheinz Grieger

In dem einwöchigen Seminar des DGB Bildungswerks in Hattingen haben sich die Teilnehmer/innen auf die Spuren des Wandels begeben. Wir haben einen Teilnehmer gebeten ein Seminartagebuch zu führen.

Nachdem die Annäherung an die Region Ruhrgebiet den weiteren Seminareinstieg (Montagvormittag) prägte, in dem u.a. Bilder, Vorstellungen die die Teilnehmer/innen über das Ruhrgebiet mitbrachten, ausgetauscht wurden, stand die Vermittlung von Basics zur Entwicklung des Ruhrgebiets im Zentrum der Seminararbeit. Entlang des konkreten lokalen Beispiels des Stahlwerks „Henrichshütte“ in Hattingen wurden die Grundzüge des technologischen Wandels und des Wirtschaftswachstums im 19. Jahrhundert vermittelt und die Schrittmacherrolle des Ruhrgebiets im Zuge der industriellen Revolution erläutert.


Größere
Kartenansicht

Nach einer Einführung zur Bedeutung und Wirkung des Projekts IBA-Emscherpark im bisherigen
Struktur­wandelprozess beschäftigten sich die Teilnehmer/ innen mit beispielhaften Orten des Strukturwandels. D.h. mit Hilfe von Dokumenten und Internetrecherchen setzten sie sich mit Entwicklungsprozessen auseinander in dem der Ort in seiner indus­triellen Geschichte, in seiner gegenwärtigen Nutzung und dem abgelaufenen Wandlungsprozess erfasst und bewertet wurde.

Dadurch wurden Teilnehmer-Teams zu Experten, die die im Seminarverlauf folgende „Vor-Ort“-Wahrnehmungen / Exkursionen inhaltlich vorbereiten und dann auch dafür jeweils ergänzende Infos geben und wichtige Fragestellung für Gesprächspartner/innen aufbereiten konnten.

Die erste „Vor-Ort-Wahrnehmung“ führte am Dienstagvormittag nach Dortmund zum Phoenix-Projekt. Dort wird der ehemalige Stahlstandort der „Phoenix-Hütte“ in Dortmund-Hörde genutzt, um auf einem Teil des Areals neue Hightech-Unternehmen anzusiedeln und über ein Technologiezentrum diese Entwicklung zu fördern. Der andere Teil des ehemaligen Hüttenkomplexes wird als neues attraktives Wohnumfeld mit einen „Phönix-See“ angelegt.

Im Anschluss an die Exkursion am Dienstagvormittag wurden die Erlebnisse intensiv ausgewertet. Im Mittelpunkt standen Fragen zum Projekt „Phoenix-See“. Fragen nach der Sozialstruktur des dort neu entstehenden Wohn- und Freizeitgeländes wurden engagiert diskutiert. Inwieweit können die bisherigen Bewohner/innen von Dortmund Hörde (tendenziell eher sozial Benachteiligte) von der neu entstehenden Wohnstruktur profitieren? Welcher sozialer Sprengstoff könnte diese Entwicklung bringen? Welche Möglichkeiten hat die Stadt Dortmund, dies zu steuern? Wie sah die Teilhabe der Bewohner/innen an den Planungsprozessen aus? Ebenso wurde der wirtschaftliche Strukturwandel hin zum High-Tech-Standort reflektiert. Die Konkurrenz der Ruhrgebietsstädte, bzw. deren ooperationsmöglichkeiten waren ein Diskussionsthema. Ebenfalls Fragen der Dekontaminierung von Böden auf dem ehemaligen Stahlwerksgebäude u.v.m. sorgten für engagierte Reflexionen.

Förderturm der Zeche Zollverein CC-BY-Karlheinz Grieger

Förderturm der Zeche Zollverein CC-BY-Karlheinz Grieger

Im zweiten Seminarteil des Dienstagnachmittags standen nochmals die sozialen Verwerfungen und Kämpfe für den Erhalt der Montanindustrie im Ruhrgebiet im Fokus der Diskussionen. Dazu wurden auch historische Filmdokumente z. B. zum Arbeitskampf um die Stahlindustrie in Rheinhausen gezeigt. An diesem Beispiel wurden weitere Chancen künftiger wirt­schaftlicher Entwicklungsschwerpunkte im Ruhrgebiet thematisiert. Der Übergang von der Industriegesell­schaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft wurde intensiv reflektiert und die Perspektiven im heutigen Ruhrgebiet wurden durch eine Analyse der sog. zukunftsfähigen Kompetenz- bzw. Entwicklungsschwerpunkte erarbeitet. In Arbeitsgruppen verschafften sich die Teilnehmenden einen Überblick, in dem die Bildung von wirtschaftlichen Entwicklungsschwerpunkten, wie die Logistik, Energie, Informationstechnologien, Chemie, Touristik, Gesundheit und Kultur nachvollziehbar und weiter reflektiert wurden.

Am Mittwochvormittag stand die zweite Vor-Ort-Wahrnehmung mit dem Besuch auf dem Gelände der Zeche und Kokerei Zollverein in Essen-Katernberg an. Am Nachmittag wurde im Bildungszentrum die Exkursion ausgewertet, wobei auch hier wieder die sozialen Fragestellungen im Zentrum der Diskussion standen. Wie lässt sich sozialverträglich die Entwicklung des Essener Stadtteils Katernberg, der zu den sozial belasteten Stadtteilen der Stadt Essen zählt, mit der Entwicklung dieses hochkarätigen Kultur/Tourismus- und Designerstandortes „Zeche und Kokerei Zollverein“, der im Herzen des Stadtteils liegt und hochsubventioniert wird, vereinbaren und von der Stadt- und Wirtschaftsentwicklung sozial gerecht und gelingend für alle Betroffene steuern? Durch die Exkursion wurde als zweiter inhaltlicher Schwerpunkt, das Thema „Subventionen für den Steinkohlebergbau“ (Bedeutung in der Vergangenheit bis heute) angeregt und auch vertieft. Das Seminar schloss an diesem Tag mit einer Meinungsbildung zu Pro und Contra eines weiteren Kohlebergbaus in Deutschland ab.


Größere
Kartenansicht

Am Donnerstagvormittag setzte sich die Seminargruppe mit dem Strukturwandel im Zusammenhang mit den Ergebnissen der „Europäischen Kulturhauptstadt“ (Ruhr 2010) im Ruhrgebiet und speziell auf die Stadt Hattingen bezogen auseinander. Als Gesprächspartner dafür konnte Herr Ollenik als Kulturhauptstadtbeauftragte der Stadt Hattingen für das Seminar gewonnen werden.

Herr Ollenik konnte inzwischen ausführliche Erfahrungen mit der Ruhr 2010 referieren. In diesem Zusammenhang wurden die Chancen einer längerfristigen verbindlichen Zusammenarbeit der vielen Gemeinden und Städte im Ruhrgebiet reflektiert. Vom lokalen Egoismus zur gemeinsamen Kooperation im Revier war der Tenor der positiven Kooperationserfahrungen bei der Ruhr 2010.

Diese müssten jetzt fortgeschrieben werden. Über das Wie und die möglichen Barrieren wurde ausgiebig diskutiert.

Im zweiten Teil des Vormittags beschäftigten sich die Teilnehmenden mit den ehemaligen Giganten der Montanindustrie. Wie haben diese Konzerne den Strukturwandel bewältigt, inwieweit haben sie für die Region mit Verantwortung übernommen und wie entwickeln sie sich als global Player der Wirtschaft? Arbeitsgruppen recherchierten mit Hilfe des Internets und Materialien aus dem virtuellen Seminar-Reader.
Am Donnerstagnachmittag schloss sich die letzte Seminarexkursion mit dem Schwerpunkt Duisburg und u.a. Rheinhausen an.

Im Casino/ ehemalige Werksgaststätte auf dem Gelände des ehemaligen Krupp Hochofen- und Hüttenwerks in Rheinhausen/ jetzt auf Logport I traf sich die Seminargruppe mit Herrn R. Panning, Mitarbeiter im Planung- und Umweltdezernat der Stadt Duisburg. Er referierte zu Daten, Fakten und Konflikten im Strukturwandel der Stadt Duisburg. Im Rahmen eines Rundgangs auf dem ehemaligen Hochofengelände und dem jetzigen Logistikstandort Rheinhausen, erfuhren die Teilnehmenden alles wissenswerte zur Geschichte des Arbeitskampfes in Rheinhausen und der Entwicklung des jetzigen Logistik-Zentrums und die Konsequenz für den Stadtteil Rheinhausen.

Entsteht eine neue Monokultur (Logistik) und kein Branchenmix? Wie ist die Qualität der Arbeitsplätze, bestehen neue Umweltbeeinträchtigungen und gibt es eine nachhaltige Entwicklung in der Logistikbranche? Das waren einige der spannenden Diskussionsrunden, die sich aufgrund der „Vor-Ort-Anschauung“ in Rheinhausen entwickelten.

Weiter ging die Fahrt mit dem Bus über den Logport II und zum Angerpark , in dem u.a. eine ehemalige Schlackenhalde zu einem riesigen Landschaftsbauwerk entwickelt wurde, auf dem umweltgefährdende Altlasten der Metallhütte entsorgt wurden. Als neue Landmarke wurde auf der Halde eine „Art begehbare Achterbahn“ („Tiger und Turtel“) gebaut. Der Landschaftsarchitekt der Stadt Duisburg, R. Wördehoff erläuterte vor Ort das Projekt in all seinen Entwicklungsphasen. Dann führte er die Seminargruppe zum Rheinpark Duisburg. Auch dieses Gelände wurde zu Fuß besichtigt und Herr Wördehoff schilderte an verschiedenen Bauabschnitten, die Umwandlung des ehemaligen großen Schwerindustriegeländes in eine Freizeit und Wohnfläche.

Deutlich wurde immer wieder, dass die Städte mit der Hinterlassenschaft der Schwerindustrie (riesige Brachgelände, schwer kontaminiert) Mammutaufgaben für das Gemeinwohl, die Zukunft der Bewohner/innen übernehmen. Dabei stehen Umwelt – und soziale Gesichtspunkte im Mittelpunkt der Anstrengungen.


Größere
Kartenansicht

Am Freitagvormittag wurden die Erfahrungen, die die Teilnehmenden in Duisburg sammeln konnten, ausgewertet. Der Seminar-Diskurs wurde immer wieder von dem Spannungsfeld der wirtschaftlichen Interessen und Macht von großen Konzernen (Thyssen-Krupp; Mannesmann/Vodafon; RAG/Evonik u.a.) und deren Standortentscheidungen und den jeweiligen Konsequenzen für die Stadt/Gemeinde und deren Handlungsspielraum diskutiert. Fragen der lokalen Demokratie, des Gemeinwohls und der Gefahren, das Gewinne von großen Unternehmen intensiv privatisiert, aber Nachfolgeschäden der Allgemeinheit übertragen werden konnten. D.h. Steuerungsmöglichkeiten von Strukturwandel sowohl auf Landes- wie auf kommunaler Ebene wurden engagiert diskutiert.

Die letzten Arbeitseinheiten am Freitagvormittag vertieften das Thema Globalisierung und auch neue Technologien beispielhaft. In einem medial gestützten Lehrvortrag konnte am Beispiel des Mannesmann-Konzerns die Entwicklung vom Montanunternehmen zum global ausgerichteten Mobilfunkunternehmen beschrieben werden. Mit Rückbezügen auf die Rolle des Ruhrgebiets für die Entwicklung der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert und seine heutigen Probleme, hier nochmals fokussiert auf das Beispiel Opel in Bochum in seiner damaligen Rolle vom Hoffnungsträger zum potentiellen heutigen Verlierer im internationalen Standortwettbewerb beim Übergang in die Informationsgesellschaft, schloss sich der thematische Kreis des Seminars. Am Beispiel der Stadt Bochum, die Schließung des Opelwerks droht Ende 2014, wurden nochmals wesentliche Seminarfragen zum Strukturwandel und den Chancen der einzelnen daran beteiligten Interessengruppen (z.B. heute Wirtschaftsförderung für den Mittelstand) abschließend reflektiert. Mit einer Mindmap zu den Bedingungen eines „gelingenden Strukturwandels“ und einer ausführlichen Seminarauswertung endete die Veranstaltung am Freitagmittag.

Der Veranstalter
DGB Bildungswerk e.V. – Forum Politische Bildung
Am Homberg 44-50
45529 Hattingen
Deutschland
Nordrhein-Westfalen
02324/508-403
guido.brombach@dgb-bildungswerk.de

Die Veranstaltungen
Von Ostblockstaaten zu EU-Mitgliedern: Historisches Erbe und politisch-wirtschaftlicher Wandel im europäischen Osten 12.5. bis 17.5.2013

Vom „Kohlenpott“ zur Europäischen Kulturhauptstadt: Strukturwandel im Ruhrgebiet sehen und verstehen 12.5. bis 17.5.2013